Nordland Hamburg Radsport
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Tour de Tunisie Cycliste International 2004


UCI Kategorie 2.5 vom 11. - 20 Juni

Ein Tourbericht von Peter Lemke


Mit unserer Mannschaft Nordland-Hamburg haben wir heuer das erste Mal die Möglichkeit, an einem Rennen außerhalb Europas teilzunehmen. Mit Bodo Azzouz, Christoph Thieme, Peter Lemke (alle Harbuger RG) und Oliver Stock (SV Dassow 24) fliegen wir nach Nordafrika.

Um uns an das Klima mit Temperaturen um die 30° Grad Celsius zu gewöhnen, sind wir zwei Tage vorher angereist. Am Vorabend des Rennstarts wurden wir von einem völlig verrückten Busfahrer abgeholt, der uns von unserer Unterkunft in Jemmal ins Tourquartier bei Tunis gebracht hat. Die Entfernung von 200 Kilometer hätte wohl auch kein Michael Schumacher schneller zurücklegen können. Wir waren auf jeden Fall heilfroh, endlich ins Hotelbett fallen zu können.

Erst nach dem Frühstück konnten wir unsere Startnummern und den Materialwagen in Empfang nehmen und einen ersten Blick auf unsere Mitstreiter werfen. So standen wir mit den Nationalmannschaften aus Ägypten, Algerien, Libyen, Tunesien und Senegal sowie Microsoft (Südafrika), Marco Polo Cycling Club (Niederlande), VC Frankfurt, Pinelli Cinghiale (Italien) und Auvergne (Frankreich) am Start.

In aller Eile mußten wir uns präparieren, denn der neutrale Start war bereits für 8:45 Uhr angesetzt. Da unser Betreuer auf der Fahrt zum Start noch Wasservorräte einkaufen mußte, hat sich Olli 5 Minuten vor dem Start eine Flasche Wasser in einem Cafe gekauft, um seine Trinkflaschen zu füllen.

Ich nutzte die langsame Fahrt bis zum scharfen Start, um einen Senegalesen zu begrüßen. In der prallen Sonne leuchtete sein knalliges Trikot in rot, gelb und grün mit einem brüllendem Löwenkopf. Er sprach gutes Englisch und ich konnte mir Informationen über die genaue Streckenlänge verschaffen, da wir durch die späte Ankunft das Treffen der Sportlichen Leiter verpasst hatten.


1. Etappe La Marsa - Bizerta über 110 Kilometer

Die Fahrt begann zunächst mit gut einer Stunde im 35er Tempo, wobei sich die Rennfahrer unterhielten und sich freundlich untereinander begrüßten, bevor das Gelände hügelig wurde und erste ernsthafte Attacken das Rennen eröffneten.

Am Ende wurde die Etappe im Spurt entschieden und mit Andre Schultze hat ein deutscher Fahrer vom VC Frankfurt (GS 3) gewonnen. Er durfte somit das Gelbe Trikot überstreifen.

Da wir eine Flachetappe erwartet hatten, die heutige Strecke aber schon ausgesprochen bergig ausfiel, war es ganz gut, daß wir das Tourbuch erst nach Zielankunft in Bizerta erhalten haben.


2. Etappe Bizerta - Tabarka über 140 Kilometer

Die heutige Etappe wurde vom Staatspräsidenten Ben Ali und dem UCI Vorsitzenden Hein Verbruggen gestartet. Sie verlief durch die sehr schöne Landschaft des Nordens mit einer Kulisse hoher Berge. Die gesamte Distanz fuhren wir in hügeligem Terrain und es begann zunächst wieder recht gemütlich. Bei jedem Anstieg wurde das Tempo jedoch so hochgezogen, daß die Fahrer am Ende des Feldes um den Anschluß kämpfen mußten. So fanden wir uns zwischenzeitlich mit drei Mann in der zweiten Hälfte des Feldes wieder. Es brauchte eine ganze Stunde Verfolgungsarbeit, um den Zusammenschluß des Feldes zu schaffen. Vermutlich sind wir dabei in einer 10 Kilometer langem Straßenbaustelle, wo auf Schotter gefahren werden mußte, einfach waghalsiger unterwegs gewesen.

Den Etappensieg errang der Südafrikaner Malcolm Lange (Microsoft), der auch das Gelbe übernahm.


3. Etappe Tabarka - Le Kef über 125 Kilometer

Es war die erste gefürchtete Bergetappe. Kurz nach dem Start am Hafen begann ein 15 Kilometer langer Anstieg auf den Jebel Biri (1014 m), wenige Kilometer von der algerischen Grenze entfernt. Den Gipfel erreichten wir mit 10 weiteren Leidensgenossen, mit denen wir den vielen versprengten Gruppen hinterherjagten. Am abendlichen Buffet konnten wir endlich wieder zu den Spitzenfahrern aufschließen.

Leider mußten wir einen Ausfall verzeichnen: der gesundheitlich angeschlagene Christoph Thieme wurde am zweiten Berg des Tages bei großer Hitze ein Opfer der enormen Anstrengungen und leistete einem Frankfurter im Besenwagen Gesellschaft.

In den von Touristen verschonten Ortschaften wurden wir Rennfahrer von der begeisterten Bevölkerung angefeuert und mit Wasserflaschen versorgt. Schulklassen ließen das Peloton durch einen Regen aus Blütenblättern fahren. Vor der Zielankunft mußte ein 3 Kilometer langer steiler Anstieg bewältigt werden. Hier konnte ich zweieinhalb Minuten Vorsprung auf Olli herausholen.

Am Zielberg konnten drei Italiener ihre Übermacht nutzen und stellten mit Alfonso Falzarano (Penelli Cinghiale) den Sieger, der mit dem Spitzenreitertrikot belohnt wurde.

Am Abend wurde der gesamte Tourtroß vom Gouverneur auf die Burg über der Stadt eingeladen. Leider hatte der Gastgeber nicht bedacht, daß drei Kellner nicht schnell genug laufen können, um 100 hungrige Mäuler zu stopfen - nach einiger Zeit leisteten einige Dutzend Radrenner Unterstützung und bedienten sich kurzerhand selbst.


4. Etappe Le Kef - Kairouan über 185 Kilometer

Es begann mit dem morgendlichen Blick aus dem Fenster: es regnete in Strömen. Mit 185 Kilometern sollte heute die Königsetappe von Le Kef nach Kairouan stattfinden. Aufgrund der rutschigen Straßen entschied die Rennleitung, den scharfen Start ins Tal zu verlegen. Laut Streckenprofil erschien es, als sollte diese Etappe eigentlich nur bergab führen. Was für ein Irrtum! Nachdem die Fahrer in der ersten Rennstunde mit ihren durchdrehenden Hinterrädern zu kämpfen hatten, kamen nun die ersten Serpentinen. Es waren drei harzähnliche Anstiege zu bewältigen, an deren höchsten Punkten wir durch die tiefhängenden Regenwolken fuhren.

Bis auf einen Fahrer gab heute die gesamte senegalesische Mannschaft auf. Die Temperaturen von 15-17° Grad Celsius zu Beginn der Etappe müssen wie ein Schock für die Schwarzafrikaner gewesen sein. Vor dem Start sagte mir einer der Fahrer, daß die Tiefsttemperaturen im Senegal bei 24 Grad liegen sollen! Er schützte sich mit einer Plasikfolie unter dem Helm vor dem Regen.

Heute siegte mit Patrick Köhler ein Frankfurter, der 180 Kilometer in einer Ausreißergruppe gefahren ist. Das Gelbe Trikot war nicht in Gefahr.


5. Etappe Kairouan - Sfax über 150 Kilometer

Den fünften Tagesabschnitt hatte die italienische Mannschaft voll im Griff. Sie fuhren während des gesamten Rennverlaufs an der Spitze des Feldes, so konnten wir bequem die 150 Kilometer nach Sfax im Windschatten mitrollen. Wir nutzten den Nachmittag, um die Medina zu erkunden.

Andre Schultze konnte seinen zweiten Etappensieg feiern.

6. Etappe Sfax - Monastir über 130 Kilometer

Die heutige Etappe sollte ein Fiasko für unsere Equipe werden: 130 Kilometer Flachetappe erschienen nicht mehr besonders beeindruckend. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten aber doch schon ihre Spuren hinterlassen. Zudem plagte mich eine Erkältung. Außerdem verlief die Strecke heute immer nur stramm gegen den Wind.

Nach 50 Kilometern wurde ich auf einer Windkante abgehängt. Nachdem ich beinahe wieder dran war, fiel ich gleich wieder ab. Nach 10 Kilometern konnte ich zu Olli aufschließen, den das gleiche Schicksal ereilte. Das bedeutete Paarzeitfahren bis ins Ziel. Wir haben sehr gelitten, denn zeitweilig kämpften wir mit 25 km/h gegen den heftigen Sturm an. Unterwegs holten wir einen jungen Lybier ein, den wir schon an den Vortagen oft in unserer Gruppe hatten. Er hatte einen Sturz gehabt. Fortan nahmen wir ihn in den Windschatten und zogen ihn mit. Der Ärmste war wohl wirklich der Pechvogel des Tages, denn 20 Kilometer vor dem Ziel verfing sich sein Schaltwerk in den Speichen. Das Hinterrad war hinüber und das Schaltwerk aus dem Ausfallende gebrochen. Wir warteten, und zum Glück gab es im Besenwagen das Rennrad eines ausgestiegenen Algeriers. Bis zum Ziel konnten wir den Rückstand dank der Ünterstützung unserer Betreuer und der Offiziellen in Grenzen halten.

Vier Stunden im Gegenwind, das kam mir vor wie die längste Paßstraße der Welt, doch die Aussicht auf die zwei kurzen Folgeetappen ließen den Mut nicht ganz schwinden.

Der Südafrikaner Malcolm Lange (Microsoft) gewann den Spurt des Hauptfeldes, was mir reichlich egal war.


7. Etappe Einzelzeitfahren Monastir - Sousse über 20 Kilometer

Eigentlich hatte ich mir diesen Tag als Ruhetag vorgenommen. Das Einzelzeitfahren über 20 Kilometer von Monastir nach Sousse wollte ich mit meinem Stiefel fahren. Es regnete wieder in Strömen und der Sturm war noch heftiger als am Vortag. Auf dem Weg zum Start haben wir uns auch noch verfahren, so konnte Olli gerade noch seine Regenjacke ausziehen und seinen Helm aufsetzen, bevor es los ging. Ich kämpfte mich durch und mußte alles geben, um am Ende Letzter mit einem 30er Schnitt zu werden, ohne daß ich locker gefahren bin! Damit hatte ich dreieinhalb Minuten auf Olli verloren und lag jetzt 60 Sekunden hinter ihm.

Ein Trost für mich war, daß auch der Sieger Jeremy Maartens (Microsoft) nur einen 37er Schnitt gefahren ist, er durfte aber das Gelbe Trikot übernehmen. Damit hatte die südafrikanische Microsoft Mannschaft das Gelbe, Grüne und Weiße Trikot erobert.

Der Rest des Tages war zur Regeneration vorgesehen.


8. Etappe Sousse - Hammamet über 70 Kilometer

90 Kilometer sollten heute auf dem Programm stehen, aber aufgrund des Verkehrslage wurde sie auf 70 Kilometer verkürzt, was uns sehr gelegen kam. Kurz vor Schluß befand ich mich in einer Gruppe, die dem hohen Tempo der Spitze nicht mehr folgen konnte. Da ich die UCI Punkte eh nicht mehr erringen konnte, habe ich mich inzwischen darauf verlegt, meinen Rückstand auf Olli wettzumachen. Im Glauben, mein Rückstand in der mannschaftsinternen Wertung würde noch größer, wurde ich 1000 Meter vor dem Ziel von Ollis Angriff überrascht! Ich konnte ihm kontern, was einigen anderen Fahrern noch einen Rückstand von 20 Sekunden eingebracht hat! Mit den neutralisierten Strecken und der Fahrt ins Hotel saßen wir heute trotzdem 130 Kilometer im Sattel.

Der Argentinier Gabriel Moureau (Penelli Cinghiale) siegte mit einer Minute Vorsprung auf das Hauptfeld.


9. Etappe Nabeul - Kelibia über 142 Kilometer

Durch welliges Profil fuhren wir heute um eine Halbinsel nach Kelibia. Gleich nach dem Start setzte sich ein Franzose ab und fuhr einen Vorsprung von 5 Minuten heraus. Die Microsofts führten das Feld mit gleichmäßigem Tempo, so konnten wir uns zunächst gut verstecken. Zwei Stunden lang habe ich heute gar keinen Italiener gesehen. Doch als die Attacken losgingen, versuchten sie alles , um das Gelbe Trikot noch einmal anzugreifen. In den Hügeln setzte sich eine 11-köpfige Spitzengruppe ab und wir erreichten das Ziel im Hauptfeld. Im Sprint mischte Olli mit und wurde 15. im Tagesklassement.

Der Tagessieger Simone Biasci und ein Franzose, der 25 Minuten verloren hat, runden das Tagesergebnis ab.

10. Etappe Kelibia - Tunis 110 über Kilometer

Die Tunesienrundfahrt endete heute mit der Schlußetappe auf dem Boulevard in der Hauptstadt Tunis. Es wurde gleichmäßig gefahren und es gab keine Angriffe auf die Trikots mehr. Aus der hektischen Schlußphase, wo einige Fahrer wohl glaubten, die Etappe vom 40. Platz aus zu gewinnen, hielten wir uns gepflegt heraus, um unseren persönlichen Erfolg nicht zu gefährden.

Das Rennen ging nach 1170 Kilometern mit dem Etappensieg von Malcolm Lange (Microsoft) zu Ende. Microsoft behielt alle Trikots und Jeremy Maartens holte den Toursieg.

Oliver und ich waren glücklich und zufrieden, die Rundfahrt überstanden zu haben. Erstaunlich, daß wir nach diesen Strapazen lediglich eine Minute auseinander lagen. Im Gesamtklassement belegten wir die Plätze 48 und 49. In den 10 Tagen sind wir insgesamt über 1300 Kilometer gefahren.

Borhen als Dolmetscher, sein Onkel Ben und auch Christoph haben uns während der Tour großartig unterstützt und dazubeigetragen, daß wir durchgehalten haben.

Die geplante Berichterstattung von Unterwegs stellte sich als nicht so leicht durchführbar heraus. Wir hatten keinen mobilen Rechner dabei und auch keinen Internetanschluß auf dem Hotelzimmer. Da wir uns auch um unsere Wäsche und Materialpflege selber kümmern mußten, waren wir viel zu kaputt, um ein Internetcafe aufzusuchen. So haben wir uns die Berichterstattung immer für den nächsten Tag vorgenommen und es fanden sich genügend Gründe, es wieder nicht zu schaffen.

Aber in Zukunft wird natürlich alles besser, versprochen!