Ein Rennbericht von Oliver Stock
Mit unserer Mannschaft Nordland-Hamburg bekommen wir durch Unterstützung der Firma SUB-events eine Einladung nach Tunesien, um dort an einer 9-Etappenfahrt teilzunehmen. Die Mannschaft setzt sich aus den Fahrern Peter Lemke, Philip Kaczmarowski, Bodo Azzouz (alle Harburger RG), Markus Weinberg (Dresdner SC 1898), Jan Busse (RG Uni Hamburg), Oliver Stock (SV Dassow 24) und Michael Meier als Betreuer zusammen.
Von unserem Hotel in der Innenstadt fahren wir zum Start des Rennens. Dieser befindet sich an einem großen Fußballstadion und wird sehr pünktlich durchgeführt.
Auf den ersten Kilometern geht es sehr gemütlich zu, so daß sich niemand aufregen muss, als sich das Feld plötzlich verfährt. Als dann aber das Rennen richtig beginnt, zerfällt das Feld sehr schnell und es bilden sich verschiedene Gruppen.
In der Spitze sind wir durch Markus, Peter, Philip und mich vertreten. Da sich 2 Kilometer vor dem Ziel drei Fahrer absetzen können, sind wir mit unseren Rängen 5, 10, 11 und 18 sehr zufrieden.
Es gewinnt ein einheimischer Nationalfahrer im Trikot seines Heimvereins Association Sportives Militaire de Tunis.
Die eigentliche Herausforderung steht uns aber in Form eines dreistündigen Transfers noch bevor: auf den 200 z.T. sehr hügeligen Kilometern nach Tabarka gibt es einige sehr blasse Gesichter im Bus zu sehen, einige werden sogar grün, nachdem sie die Übelkeit überkommt. Nach dem Abendsessen erholen Philip und ich uns sehr schnell, und da wir alle noch sehr frisch sind, machen wir uns vor der morgigen Bergetappe keine allzu große Sorgen und gehen frohen Mutes ins Bett.
Die ersten 120 Kilometer der heutigen Etappe stimmen haargenau mit der vom letzten Jahr überein, so daß wir vorschlagen, bei der Brücke nach 10 Kilometern vorne zu sein, um den gut 15 Kilometer langen Anstieg auf den Djebel Biri in aussichtsreicher Position in Angriff nehmen zu können.
Allerdings gibt es in der Ebene keine Warmfahrphase, wir fahren mit deutlich mehr als 40 km/h in den Berg hinein. Die Saudis schlagen ein derart hohes Tempo an, daß das Feld schon nach kurzer Zeit völlig auseinanderfällt. Während Jan und Bodo so klug sind, ihr eigenes Tempo zu fahren, will ich möglichst lange bei meinen schnelleren Mannschaftskameraden bleiben: etwa 5 Kilometer kann ich mithalten, dann muss ich reißen lassen.
Ca. 30 Meter vor mir ereilt Peter und Philip zwar das gleiche Schicksal, die beiden haben sich aber nicht so breit gefahren wie ich und können in einer kleinen Gruppe die Spitze verfolgen. Ich versuche, mich ersteinmal zu erholen, werde aber von den Anfeuerungsrufen des lybischen Nationaltrainers aufgeschreckt, weil dieser versucht, seine komplette Mannschaft den Berg hochzuschreien. Um am Abend nicht mit einem Hörsturz ins Hotel zu kommen, lasse ich sie ihres Weges ziehen.
Auf der Abfahrt rolle ich dann eine Gruppe auf, die aus ca. 15 Mann besteht und nehme mit diesen die letzten knapp 100 Kilometer in Angriff. Zwischendurch gelingt es immer wieder vereinzelten Fahrern, entweder sich unserer Gruppe von hinten anzuschließen oder sich nach vorne zu verabschieden - aber immer nur dann, wenn ein Begleitfahrzeug in der Nähe ist...
Die Versorgung durch unseren Betreuer funktioniert sehr gut, so daß ich meine Ortsgruppe 5 Kilometer vor der Bergankunft attackiere und zwei Minuten vor ihnen ins Ziel komme. Trotzdem verliere ich heute gute 7 Minuten auf Philip und Peter. Markus erreicht als guter 13. das Ziel, ist aber dafür auch recht platt am Abend.
Bodo und Jan passieren innerhalb der Karenzzeit die Linie, so daß wir morgen wieder komplett am Start vertreten sein werden.
Die heutige Etappe gewinnt ein Däne von der luxemburgischen Mannschaft CCI Differdange, welche gestern aus organisatorischen Gründen noch nicht am Start sein konnte.
Mit hoher Motivation und guten Beinen machen sich die Akteure von Nordland-Hamburg heute bereits 10 Minuten vor der Konkurrenz auf den Weg zum Start: bei herrlichem Sonnenschein schießen wir das Mannschaftsfoto.
Nach dem Start gibt es gleich heftige Attacken, welche aber nicht gefährlich sind, da sich das Rennen noch in der neutralen Phase befindet. Als die Neutralisation aber vorbei ist, fahren wir auf der Rückenwindkante eine längere Zeit mit mehr als 50 km/h, bis sich eine Spitzengruppe gebildet hat.
Die meisten Fahrer im Feld versuchen nun, sich für den im Tourbuch angekündigten Berg bei Kilometer 60 zu schonen. Da aber nach 75 Kilometern immer noch kein Anstieg in Sicht ist, gibt es auch wieder reichlich Vorstöße. Und dann geht es doch in einen langen Zieher hinein, der nach etwa 3 Kilometern richtig steil wird und das Feld zerlegt. Nach dem Gipfel kämpft Markus vorne um den Anschluß an die Spitze des Feldes, welche mittlerweile die Ausreißer aufgerollt hat. Etwas dahinter fahren wir zu Dritt in einer Verfolgergruppe und Jan schließt sich der Ortsgruppe an.
Während meine Gruppe feststellen muss, daß hier heute nicht um den Sieg gesprintet wird, legt man einen schonenderen Gang ein. Erst zum Schluß gibt es wieder Attacken und Peter nimmt Philip 0:30 und mir 2:30 Minuten ab.
Im Grupetto sprintet Jan gegen einen Algerier und muss ihm den Vortritt lassen. Nachdem auch die letzte Gruppe gewertet ist, geht es ins Rathaus, wo der Bürgermeister zu einem kleinen Empfang geladen hat. Nach einer langen Ansprache und viel Beifall, stürzt sich der Tourtroß gierig auf den Kuchen und die Kekse, so daß wir nach kurzer Zeit zum Hotel geleitet werden können.
Die heutige Etappe kanne der Schwede Hakan Nilsson von CCI Differdange gewinnen.
Heute stehen zwei Halbetappen an, was aber für die meisten nicht bedeutet, daß morgens gebummelt werden würde. Ganz im Gegenteil: am Ortsausgang von Kasserine werden wegen des sehr hohen Tempos schon 6 Fahrer an einem kleinen Hügel abgehängt.
Als aber einer Fluchtgruppe einen kleinen Vorsprung herausfahren kann, lässt man sie ziehen und es kehrt Ruhe im Feld ein. Differdange kontrolliert das Rennen, man wartet bis zur Bergwertung des Tages, denn auch heute teilt sich das Feld wieder, als es bergauf geht.
Außer Markus kann keiner von uns das Tempo der Spitzenleute mitgehen, wir bleiben solange zusammen, bis Philip ein Defekt ereilt. Allerdings bekommen Peter und ich dieses nicht mit und auch der Begleitwagen düst erst mal nach vorne. Dieses Malheur führt dazu, daß Philip heute Morgen 5 Minuten in der internen Wertung auf Peter verliert. Sein verständlicher Ärger wird dann am Nachmittag rausgelassen...
Heute gewinnt erneut der Schwede Nilsson, das Gelbe Trikot von dem Dänen Mikael Kristensen geht aber an einen Fahrer von der tunesischen Mannschaft Association Sportive de la Pharmacie Central de Tunisie.
Als wir am Nachmittag das Hotel verlassen, suchen wir sofort den Schatten auf: die Sonne strahlt richtig und wir genießen Temperaturen von mehr als 32° C.
Da wir eine Rückenwindetappe erwarten, wundern uns die vielen Attacken zu Beginn des Rennens gar nicht, obwohl das Mittagessen noch keine 90 Minuten her ist. Auch ein grün-blaues Trikot ist dabei: Philip will seinen Ärger von heute Morgen rauslassen – und es klappt. Mit vier weiteren Fahrern fährt er schnell über eine Minute Vorsprung heraus, bis ihm das Herz stehen bleibt. Als er an einem kleinen Hügel vorbei kommt, sieht er, genau wie wir 90 Sekunden später, daß dieser „leicht“ ansteigt.
Auf einer erwarteten Flachetappe mit Rückenwind steht plötzlich eine ziemliche Wand vor uns, Spitzensteigungen von ca. 18% fordern einiges von uns ab. Die Klassementfahrer sind alle vorne, dahinter kämpft Markus mit zwei weiteren Fahrern um den Anschluß an die Spitze. Peter fährt zwischen Baum und Borke, Jan ist mal wieder der Chef im Grupetto und ich fahre im sogenannten Hauptfeld mit Blick auf Peters Gruppe.
Da die Ausreißer nach dem Berg nicht mehr existiert, ist es umso erfreulicher, daß Philip noch vorne ist und im richtigen Augenblick Markus unterstützen kann. Sie schließen auf und Markus attackiert mit dem Schweden. Die beiden kommen weg und Markus fährt einen souveränen Sprint von der 1000 Meter Marke – er gewinnt und fährt damit den ersten Sieg für unsere Mannschaft in diesem Jahr ein. Philip kann das hohe Tempo trotz seiner anstrengenden Flucht halten und wird noch guter Achter.
Hinten mache ich mir Hoffnung, zu der Dreiergruppe mit Peter aufzuschließen. Auf der langen Gerade nach dem Berg sehen wir diese in Reichweite und arbeiten uns immer näher heran. Nach einer Spitzkehre sind sie direkt vor uns, so daß man jetzt heranspringen könnte. Dieses macht die Hälfte meiner Gruppe sofort – nur ich nicht. Und da es nun strammen Gegenwind gibt, fahre ich mit den Fahrern hinterher, die in der Ebene die Führungsarbeit geleistet haben. Aber so ist halt der Radsport.
Die atemraubende Streckenführung der zweiten Halbetappe entschädigt aber für manchen Rückstand oder Schmerzen. Die Gegend heute wirkt wie eine Mondlandschaft mit Schluchten und Schuttwüsten. Zum Ende stellen sich uns laufend neue und steilere Rampen in den Weg. Eine beeindruckende Kulisse für ein Radrennen.
In dem abgelegenen Zielort Metaloui, wo Phosphorbergbau betrieben wird, sind Hunderte von Menschen an die Strecke gekommen, um den Radrennern zuzujubeln. Es hat uns sehr berührt, nach der steilen Abfahrt mit tauben Ohren, den Jubel der Zuschauermassen aufzunehmen.
Am heutigen Morgen werden wir im Bus von Gafsa nach Sidi Bouzid gefahren. Am Startort hat man die örtliche Sporthalle für uns geöffnet, so daß wir die langen Stunden bis zum Rennen dort verpflegen und entspannen können.
Da es noch ein wenig regnet, macht uns eine längere Wartezeit nichts aus. Allerdings kommt eine schleichende Unruhe auf, da die Startzeit doch sehr variiert: von 14:00 bis 15:30 ist alles im Gespräch. Schließlich bestätigt ein Kommissär die Latrinenparolen und gibt bekannt: der Start soll um 13:30 Uhr erfolgen – in knapp 20 Minuten!
Macht auch nichts, wir haben das Mittagessen wenigstens nicht verpaßt, sondern sind eigentlich noch am Kauen...
Die Etappe startet ruhig, doch schon bald geht eine erste Ausreißergruppe. Danach gibt es erneut Attacken und Philip hat wohl gestern Gefallen an seiner Flucht gefunden: er geht erneut in einer aussichtsreichen Gruppe mit.
Als das Feld dann wieder Tempo aufnimmt, sind Peter und ich gerade dabei, Getränke zu organisieren. Auf einer hart gefahrenen Windkante können wir die Löcher nicht mehr schließen und müssen uns mit 20 weiteren Abgehängten unserem Schicksal fügen, was für Peter wirklich unschön ist, da er bisher unter den ersten 20 Fahrern im Gesamtklassement zu finden war.
Vorne fährt sich alles wieder zusammen und es kommt zum Massensprint. Markus eröffnet den Spurt ca. 400 Meter vor dem Zielstrich, was leider einen Tick zu früh ist, um zu gewinnen. Aber auch ein dritter Platz auf dem längsten Teilstück der Tour ist ein sehr erfreuliches Ergebnis für ihn und unsere Mannschaft.
Im Anschluß an die Zieldurchfahrt geht es direkt zum Gouverneur, der eine würdige Siegerehrung vornimmt, eine kleine Ansprache hält und uns zum Kaffee einlädt. Das Hotel ist heute wieder sehr gut und auch die Verpflegung läßt keine Wünsche offen.
Bei strammen Gegenwind fahren wir heute neutral aus der Stadt hinaus, so daß alle warm sind, als das Rennen eröffnet wird. Nach einigem hin und her kann sich eine 8-köpfige Gruppe lösen, in der auch Markus vertreten ist.
Im Feld will plötzlich niemand mehr fahren, so daß der Vorsprung schnell auf über 10 Minuten anwächst. Da bei einem solchen Rennverlauf die Luxemburger kein einziges Trikot mehr gewinnen können, nehmen sie die Verfolgung auf, während ihr Sportlicher Leiter es schafft, in der Spitzengruppe für Verwirrung zu sorgen, der zu Stehversuchen führt...
In einer etwas turbulenten Schlußphase, in der die 3 Kilometermarke etwa 1000 Meter nach der 20 Kilometermarke folgt, kann sich Mikael Christensen von CCI Differdange durchsetzen.
Mir persönlich geht es heute weniger gut, zwischenzeitlich habe ich überhaupt keine Motivation mehr, will das Rennen sogar vorzeitig beenden. Da ich aber als Letzter im Tagesklassement gewertet werde, beisse ich mich nun auch die letzten beiden Halbetappen durch.
Mit Sousse haben wir endlich einen Touristenort erreicht, der unsere Betreuer motiviert, einen Gang durch die Gemeinde zu unternehmen. Hier soll es wohl einiges zur Unterhaltung geben, so daß wir für die Tage nach der Rundfahrt wissen, wo wir ausgehen können.
Am heutigen Vormittag soll es bei starkem Wind noch einmal einige Angriffe auf die Wertungstrikots geben. Da die Startphase sehr schnell durch einige Hügel führt, kann ich mir diese Attacken nicht aus der ersten Reihe ansehen.
Aber auch in meiner Ortsgruppe zeigen uns die Libyer, daß sie Windkante fahren können. Mir ist das alles zu anstrengend und mit Benjamin von der Schweizer Mannschaft habe ich einen netten Gesprächspartner für die 45 Kilometer zum Ziel gefunden. Daß wir exakt eine halbe Stunde verlieren , stört uns nicht sonderlich. Wir freuen uns auf Tunis heute Abend, werden aber vorher in Hammamet derart fürstlich bewirtet, daß wir lieber vor Ort bleiben würden.
Zurück zum Rennen: der große Teil des Feldes fährt einen Sprint um Platz drei, wobei Markus und Philip als Fünfter und Elfter hervorgehen. Es hätte sogar noch besser sein können...
Mit Remy Barbouse, einem Belgier von CCI Differdange, gibt es einen Sieger, mit dem ich fast jeden Tag nach den Bergen das Hauptfeld verfolgt habe. Er konnte wohl an diesen Tagen Form aufbauen, um heute ganz vorne zu sein – ich werde mir das für die Zukunft merken.
Nach einem opulentem Mahl mit Pizza, Pommes, Mousse au Chocolate und Torte, geht es etwas früher zum Start als geplant, aber nachdem wir Philip mit den Worten „in zehn Minuten geht`s los“ geweckt haben, werden wir vier uns auch noch die letzten zwei Rennstunden bewähren.
Jan müßte jetzt gerade seinen Flieger besteigen, den letzten Tag kann er aus beruflichen Gründen leider nicht mehr mitmachen.
Die ersten 50 Kilometer sind eine echte Champagneretappe, Fotos werden geschossen und das gesamte Feld hält für eine Pinkelpause an. Danach eröffnet ein Eidgenosse das Geschehen und wir nehmen noch mal richtig Fahrt auf.
Eine kleine Gruppe kann sich vom Feld lösen und den Sieg unter sich ausmachen. Und es ist tatsächlich einer von unseren Fahrern dabei: wie nicht anders zu erwarten, ist es Markus Weinberg, der auf der Zielgeraden früh antritt und mit großem Vorsprung jubelnd seinen zweiten Sieg einfährt. Wenn das mal kein Grund zum Feiern ist.
Abschließend können wir feststellen, daß diese Rundfahrt perfekt organisiert war, die Gastfreundschaft unseres Fahrers Bodo in der Ferienwohnung seiner Eltern in Jemmal von großem Vorteil war und bei bestem Wetter und sehr großzügiger Verpflegung gute Kilometer gesammelt werden konnten.
Mal sehen was die weitere Saison jetzt bringen wird.