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Tour du Maroc 2006


UCI Afrika Tour 2.2 vom 17. bis 26. November

ein Rundfahrtbericht von Oliver Stock


Anfang November bekomme ich die Einladung, für die Mannschaft des Marco Polo Cycling Clubs an der Marokkorundfahrt teilzunehmen. Da bei uns im Norden das Wetter noch gut war, stelle ich mein Rad noch nicht in den Keller, sondern buche mir einen Flug nach Marrakesh.

Dort lande ich am 13. November mit meinem Reisepartner Karsten Keunecke, der mit dem Team Profiline an den Start gehen wird. Wir werden von Hamud, einem marokkanischen H 30 Rennfahrer, mit seinem alten Renault R4 abgeholt und samt unseren Radkoffern in einem Durchgang zum Riad Andrea, ein kleines Hotel in der Medina, gefahren. Es bleibt mir noch genug Zeit, ein Rennen an Karstens Hinterrad zu fahren.

Auch am zweiten Tag wird stramm ausgefahren, diesmal bin ich aber so schlau, und schicke Karsten durch die Berge in der Gegend um Amizmiz, damit ich auf dem Rückweg normales Tempo treten kann. Am Abend gehen wir früh zu Bett, damit wir vor dem morgigen Transfer nach Casablanca die Beine noch ein wenig lockern können. Vorher sitzen wir aber noch auf dem Dach des Hotels und unterhalten uns mit dem Eigentümer, einem amerikanischen Diplomaten im Ruhestand. Er hat zwar nicht viel Ahnung vom Radrennsport, freut sich aber, zwei deutschen Amateuren einen Spezialpreis anbieten zu können, denn trotz starken Eurokurses wäre die Unterkunft,deren Preis im dreistelligen Dollarbereich liegt, für uns nicht bezahlbar.

Zwei Tage vor Rennstart brechen wir also in die wohl bekannteste Stadt Nordafrikas auf; bei einer Entfernung von lediglich 250 Kilometern hätten wir lieber mit dem Rad fahren sollen: die staatliche Bahngesellschaft nimmt uns mit unserem Gepäck nicht mit, so daß wir irgendwann einen Bus finden, der uns zehn Stunden nach Verlassen des Hotels im Zentrum Casablancas ausspuckt. Nach kurzer Taxifahrt erreichen wir unsere Bleibe und fallen müde ins Bett.

Beim Frühstück sehen wir bekannte Gesichter, treffen unsere Manschaftskameraden und bekommen schon vor der offiziellen Präsentation eine Ahnung, was uns hier erwartet.


Mannschaftsvorstellung - 16. November

Nach einem lockeren Ausritt bei Nieselregen und einem kurzen Mittagsschlaf, stehen wir pünktlich um 17:00 Uhr in der Vorhalle des Hotels, um an der Vorstellung der Mannschaften teilnehmen zu können. Etwas zu früh, der ganze Akt verspätet sich um drei Stunden. Dann aber erfahren wir, wer hier am Start stehen wird: exakt 100 Fahrer aus neun National- (Russland, Slowenien, Südafrika, Tunesien, Algerien Marokko I + II, Libyen, Kamerun), fünf Kontinentalmannschaften (Dukla Trentin - Slowakei, Amore et Vita - Italien, Dukla Prag - Tschechei, DHL Author - Polen, Flanders-Jartazi - Belgien) und drei Clubs (Marco Polo, Bouticycle, Profiline) werden um Etappensiege und Wertungstrikots kämpfen.

Ich mache mir natürlich meine Gedanken, ob ich im November in diesem starken Feld mitfahren kann, aber da es mehr europäische als einheimische Mannschaften gibt, wird es schon irgendwie klappen.


Erste Etappe Casablanca - El Jadida über 96 Kilometer am 17. November

Vom Hotel aus fahren wir durch die Stadt zu einem Königspalast, der als Startort der 19. Tour du Maroc dient. Natürlich stehen auch hier alle Autos still, wenn der Radverband es will! Nochmals werden alle Mannschaften aufgerufen und danach auf die hektische Reise geschickt.

Relativ schnell bildet sich vorne eine große Gruppe von etwa zwanzig Fahrern, so daß es im Feld etwas ruhiger wird. Mit Rene ist zumindest ein Fahrer unserer Equipe dabei. Ich bekomme ein paar mal Probleme, aber bis zum Ziel bleibe ich dran. Obwohl es nur eine Kurzetappe ist, bin ich ganz schön hungrig und ersehne das Abendessen herbei. Trotzdem müssen wir noch mehr als eine Stunde auf die Speisung warten.

Alle fahren mit dem Rad zur Unterkunft, wir sind dort aber falsch und werden mit dem Auto durch die ganze Innenstadt zurückkutschiert, um an dem Hotel ausgeladen zu werden, an dem wir etwa eine Dreiviertelstunde vorher vorbeigekommen sind.


Zweite Etappe El Jadida - Safi über 158 Kilometer am 18. November

Aber ab jetzt wird alles nahezu perfekt klappen: überpünktliche Starts (jeden Tag fünf Minuten vor der angegebenen Zeit), die richtigen Hotels, im Vorraum wartendes Gepäck und ein Sportlicher Leiter mit den Zimmerschlüsseln.

Auch heute wird wieder stramm über die Kante gefahren, das Feld zerlegt sich gleich mehrere Male, aber ich fühle mich besser und komme in der zweiten großen Gruppe ins Ziel. Allerdings mußte ich auf den letzten zwanzig Kilometern mächtig leiden, kann mich aber auch nicht erinnern, eine solche Distanz mal in einem deutschen Rennen gefahren zu sein.

Ich staune nicht schlecht, als ich feststelle, daß wir trotz der 900 Höhenmeter und taktischer Geplänkel zum Ende hin eine Fahrzeit von etwa drei Stunden und zwanzig Minuten benötigen.


Dritte Etappe Safi - Essaouira über 136 Kilometer am 19. November

Gleich nach dem Start geht es wieder sportlich zur Sache und ich merke jetzt schon die Rennkilometer in den Beinen. Schließlich läßt man aber doch drei Mann fahren und es wird das erste Mal überhaupt richtig locker. Dann steht aber eine Bergwertung an und einige Jünglinge geben Gas, obwohl es nicht mal einen Punkt zu erobern gibt. Die Markierung kommt glücklicherweise schon nach zwei Kilometern Anstieg, aber der Berg ist nochmal so lang und es wird weiter gedrückt.

Ich reiße mich zusammen und gehöre nicht zu den Abgehängten :-). Es kann also einen Massensprint geben, wenn man die Ausreißer ernsthaft verfolgt. Es scheint aber niemand Interesse daran zu haben, da die Tunesier, deren Gelber im Feld sitzt, einen vorne drin haben. Auf den letzten 10 Kilometern gibt es dann einen großen Sturz, so daß ich mit einigen anderen erst kurz vor dem Ziel wieder dran bin. Da ich zum Zeitpunkt des Sturzes an vorletzter Position fuhr, zeige ich großen Respekt vor dem Allgäuer Schubi, der sich irgendwie an mir und den am Boden liegenden Fahrern vorbeimogelt und noch achter auf dieser Etappe wird!

Meine Mannschaft trifft es heute übel: Franck wird zuerst gelegt, sein Knie ist dick und wird ihm die restlichen Etappen zum Teil große Schmerzen bereiten. Noch schlimmer erwischt es Rene, der auf der Zielgeraden mit einem Polizisten kollidiert und sich kaum bewegen kann. Sein Lenker bricht und es muß über Nacht aus Safi ein neuer beschafft werden.

Wir sind am Meer untergebracht, im Schwimmbecken gibt es große Möwen und ich bekomme von der österreichischen Ärztin Alexandra die erste Akupunktur meines Lebens. Zum Nachtisch gibt es 1a Schokokuchen.


Vierte Etappe Essaouira - Marrakesh über 176 Kilometer am 20. November

Ein Neffe Hennes Junkermanns baut mich am Morgen vor dem Start mit folgenden Worten auf: Junge, die ersten 20 Kilometer werden knüppelhart, es geht gleich nach der gestrigen Zielgerade in einen fiesen Anstieg rein! Und tatsächlich peitschen wir dort in einem einem für mich enorm hohen Tempo hoch, natürlich auf der Scheibe, wo ich doch normalerweise das kleine Blatt schon auf deutlich kleineren Wellen bevorzuge.

Nach etwa 25 Kilometern wird es ruhiger, es geht ab jetzt nur noch durch die Wüste, in der zahlreiche Windkanten gefahren werden. Als ich später mit frischen Trinkflaschen wieder vorfahre, hat sich das Feld geteilt und meine Mannschaftskollegen sind nicht mehr bei mir. Es lohnt sich nicht, hinterherzufahren, da die Gruppe vorne zu stark ist und ich mir mit meinen 40 Trainingspartnern keine Sorgen um die Karenzzeit machen muß.

Als dann aber einige Italiener an der Bergwertung anhalten, um Cola aus Gläsern zu trinken, mache ich mir schon meine Gedanken, ob ich hier richtig bin, immerhin möchte ich heute Abend nicht mit den ausgeschiedenen Fahrern nach Casablanca transportiert werden, wo das Essen stark rationiert und das Duschwasser kalt ist.

Aber auch die erste Gruppe geht es ruhig an, so daß wir bei Temperaturen um die 33° C ein Tempo an den Tag legen, bei dem der Schweiß nicht literweise strömt. Wir sind hier in einer fröhlichen Gemeinschaft unterwegs, so daß uns Zeit bleibt, eine Pinkelpause einzulegen. Dabei registriere ich das erste Mal den Verkehrsstau hinter uns: mehrere Reisebusse und Dutzende von Pkw`s warten darauf, daß wir weiterfahren.

Die letzten 20 Kilometer übt ein Tscheche Zeitfahren, keiner kommt auf die Idee, ihn vor dem Zielstrich zu überspurten. Danach suchen wir noch ein wenig unser Hotel und bereiten uns dann auf das Abendessen vor. Dabei mache ich meinen Kollegen einen kleinen Vorwurf, da es niemanden gab, mit dem ich mich während der fast dreistündigen Wüstenpassage unterhalten konnte. Die anderen Deutschen waren alle aufmerksam und der einzige englischsprechende Russe mit Defekt ausgeschieden.

Nach einer geschriebenen Postkarte falle ich gegen 23:00 Uhr hundemüde ins Bett.


Fünfte Etappe Marrakesh - Beni Mellal über 199 Kilometer am 21. November

Mittlerweile haben ein Viertel der Starter die Veranstaltung verlassen, so ist zum Beispiel nur noch ein Pole von DHL dabei - ob sich drei Betreuer nur um ihn kümmern? Am Stadtrand wird gleich frisch und frei attackiert, Franck muß aufgrund seines lädierten Knies einige Male reißen lassen. Ich freue mich, als das Tempo gleichmäßiger wird. Aber auch dann gibt es immer wieder Hügel oder Situationen, an denen ich mich verdammt zusammennehmen muß.

Es wird wirklich jeden Tag Rennen gefahren!

Heute ist die Landschaft zum ersten Mal etwas abwechslungsreicher und wir sehen einige Kamele neben der Strecke.Später habe ich das Gefühl, als kämen Sterne hinzu und ich lege die letzten 10 Kilometer im Ausrolltempo zurück. Karsten ist heute zum zweiten Mal in einer Fluchtgruppe unterwegs und fährt dadurch im Klassement auf Rang 10. Er scheint gute Form zu haben, und wenn es übermorgen in die Berge geht, werde ich ihn natürlich unterstützen.

Heute bin ich aber erstmal richtig platt, selbst die paar Stufen zu den Appartements bzw. runter zum Speisesaal machen sich in Form eines erstklassigen Muskelkaters bemerkbar. Dies hat mit Sicherheit mit den Etappenlängen zu tun, die auf dem vorläufigen Plan etwas anders gestaltet waren...


Sechste Etappe Beni Mellal - Khenifra über 126 Kilometer am 22. November

Aus meinen müden Beinen sind über Nacht leider keine gazellengleiche Hinterläufe, sondern einfach nur dicke Hufe geworden. Bei einem ersten langen Zieher des Tages werde ich abgehängt und erhalte leider nicht die nötige Unterstützung, um wieder an das Feld heranzukommen. Also fahre ich stolze 75 Kilometer allein mit dem Senior Schubi, der schon Sechstagerennen bestritten hat, als die meisten unserer Konkurrenten noch in die Windel gemacht haben.

Es geht ständig auf und ab, eigentlich so wie in Flandern oder den Ardennen, nur, daß man sich hier bei angenehmen Temperaturen auf den Tritt konzentrieren kann und nicht mit dem schlechten Wetter hadern muß. Hinter uns fährt der Besenwagen, den ich heute zum ersten Mal (!) bei dieser Rundfahrt sehe und glücklicherweise auch zum letzten. Wir müssen uns keine Sorgen wegen der Karenzzeit machen, immerhin legen wir die Etappe in einem 37er Schnitt zurück, dabei fahren wir noch fast auf weitere abgehängte Fahrer auf, die zwischenzeitlich mehr als 8 Minuten vor uns waren.

Rene hat heute den Anschluß an die Spitze verpaßt und damit seine bisherige gute Platzierung verloren, was mit Sicherheit an seinen Verletzungen und der hinzugekommen Erkältung liegt, dafür ist Thomas immer besser drauf und wartet auf die ersten richtigen Berge. Nach der Theorie meines Stubenkollegen Franck, hätte er selbst beste Chancen eine Etappe zu gewinnen, wenn alle ein kaputtes Knie hätten.

Am Abend gibt es dann doch noch etwas zu lachen. Thomas erzählte uns nämlich von einem Mann auf der Ziellinie, was er damit meinte, sehen wir bei der täglichen Zusammenfassung im Fernsehen: ein Offizieller mit der schwarzweiß karierten Fahne stand tatsächlich mittig auf dem Zielstrich, während die Renner mit geschätzten 60 Sachen den Etappensieg ausfahren! Das Glück scheint auch in Marokko mit den Dummen (Mutigen?) zu sein, denn alle können ihm ausweichen.

Vor dem zu Bett gehen werde ich noch auf ein Bier eingeladen, aber ich bin zu kaputt und verkrieche mich unter der Bettdecke, bis es nachts um 04:30 Uhr plötzlich laut wird - die Klimaanlage nimmt ihren Dienst auf und wärmt das Zimmer!


Siebte Etappe Khenifra - Fes über 168 Kilometer am 23. November

Mit zwei Bergwertungen der dritten und zweiten Kategorie wird es heute im Klassement richtig spannend. Aber auch für die Statisten geht es darum, das erste Hindernis des Tages nach knapp dreißig Kilometern mit den Schnellen zu überqueren. Als echter Grimpeur fahre ich selbstbewußt in den Berg - am Ende des Pelotons. Schon bald gibt es die ersten Lücken, nur schade, daß es niemanden gibt, der sie schließt. Als es wieder flach wird, hänge ich mit gut einem Dutzend weiterer Fahrer in den Materialwagen. Nach schlappen 20 Minuten bin ich wieder drin.

Das Tempo ist auszuhalten und es kommt zu den üblichen Rangeleien kommt. Dabei kommt Karsten unverschuldeter Weise zu Fall, so daß er eine Weile kämpfen muß, um wieder zurückzukommen. Als ich ihn im Feld begrüßen kann, sind zwar die Wertungstrikots bei uns, aber mindestens 30 Radrenner sind in mehreren Gruppen auf und davon gefahren.

Nach etwa 90 Kilometern geht es in den zweiten Berg des Tages, es wird nicht sehr schnell gefahren, dennoch gibt es reichlich Zwicker, die einfach schneller sind, als meine Bekannten aus den hinteren Positionen. In der Stadt am Fuße der Steigung gibt es viele Zuschauer, die uns anfeuern. Wir bleiben nur kurz hinter den anderen. Aber es sind noch etwa sechs Kilometer bis zum Gipfel. Immer wieder werde ich von Fahrern überholt, die nicht nur durchtrainierte Beine, sondern auch kräftige Arme haben, diesmal bin ich aber nicht so dumm und kann dranbleiben.

Kurz vor der Bergwertung gibt es echte Radsportanhänger, die eine Menge Stimmung machen und die Fahrer mit den flehenden Blicken anschieben, ein schönes Gefühl! Es haben sich mit mir 15 Mann gefunden, die die Ortsgruppe bilden. Im gleichmäßigen Tempo geht es dahin, auf einer guten Abfahrt lassen wir es dann zu viert mal richtig krachen.

Dabei verliert ein Franzose von Jartazi seine volle Wasserflasche aus dem Trikot, die bei Tempo 70 vor meinem Vorderrad rumtanzt. Ich kann ausweichen und erinnere mich an Costa Rica, wo wir letztes Jahr auf der Stadtautobahn unterwegs waren, als ein LKW bei 60 Stundenkilometern einen riesigen Reifen verliert, der vor mir die Straße kreuzt und in den Büschen neben der Straße einschlägt. Mit der Zwillinggsbereifung hatte der Laster dennoch genügend Stabilität und schleuderte zu meinem Glück nicht über die ganze Fahrbahn. Damals gab es von vielen verschiedenen Betreuern, die Augenzeugen dieses Spektakels waren, eine Menge Geschenke in Form von Riegeln und Erfrischungsgetränken!

Hier geht es auf einer breiten Straße die letzte Stunde nur noch leicht bergab, es werden Kräfte für die restlichen Teilstücke gespart. Vom Ziel aus rollen wir sofort zu einem riesigen fünf Sterne Hotel, wo wir erstmal zwischen den verschiedenen Flügeln umherirren, bis wir unsere Zimmer finden.

Dummerweise hat unsere Mannschaft Pech: genau unter unserem Fenster ist der Ausgang zu dem hoteleigenen Nachtclub, aus dem ein Rashid gegen 03:30 Uhr rausgeschmissen wird. Von dem Lärm werde ich wach und schaue mir den Trubel an. Es hätte ja auch eine Diskussion zwischen Wachleuten und Fahrraddieben sein können, den unsere Arbeitsgeräte stehen gleich um die Ecke! Den entgangenen Schlaf kann ich ja nach dem morgigen Teilstück nachholen.


Achte Etappe Fes - Meknes über 65 Kilometer am 24. November

An diesem Freitag gibt es eine echte Überführungsetappe. Die Distanz liegt mir, so eröffne ich das Rennen mit einer Männerattacke, aber wie schon in Beni Mellal vereitelt ein Russe meine Flucht - die nehmen mich also ernst!

Keine 10 Minuten später gibt es drei Ausreißer, die sich trotz sportlicher Fahrweise bis ins Ziel vor der jagenden Meute behaupten können. Am heutigen Tag habe ich die Aufgabe, Franck am Teufelslappen in einer guter Position für eine Attacke abzuliefern. Aber wir haben Pech, denn er bekommt 10 Kilometer vor dem Ziel einen Platten, ein Wunder, daß er ohne Windschatten des Autos überhaupt wieder zurückkommt.

Den Nachmittag nutzen wir, um endlich mal wieder ins Internet zu gehen, es gibt aber wenig Neuigkeiten. Beim Abendessen gibt es dann eine Reisegruppe, die mächtig beeindruckt ist, wie flink wir das aufgefahrene Essen abräumen. Die Ober bereiten daraufhin kleine Teller mit Desserts vor, um diese an deren Tische zu bringen; am freien Buffet haben die Touristen nicht den Hauch einer Chance, eines zu ergattern!


Neunte Etappe Meknes - Chaouen über 177 Kilometer am 25. November

Am vorletzten Tag steht eine echte Königsetappe auf dem Programm: eine Bergwertung der dritten und zwei der Zweiten stehen an. Mit der neutralen Phase werden wir mehr als 200 Kilometer zurücklegen. Über die erste Wertung peitschen wir förmlich hinweg, danach geht es auf eine lange, lange Windkante. Immer wieder gibt es Defekte, die häufig aus Durschlägen wegen Teerverformungen auf der Straße zurückzuführen sind.

Ich fahre mit der alten Windhund Taktik immer wieder zwischen den Autos, da es hinten auf der Kante zu viel Körner kosten würde. So bin ich nach 140 Kilometern immer noch im Feld, als die Berge beginnen. Nach acht vorangegangen harten Tagen, fühlen sich meine Beine nicht mehr so toll an, auch schmerzt der Hintern mittlerweile und ich kann mir Schöneres vorstellen, als hier durch Nordafrika zu juckeln.

Das Grupetto habe ich heute wohl verpasst. Entweder ist es weit vor mir, oder die Fahrer, mit denen ich sonst hinten bin, sind schon im Besenwagen. Also gönne ich mir einen Schokoriegel, der bei Arbeit, Sport und Spiel mobil machen soll und hänge am Schlußanstieg meinen lybischen Begleiter kurzerhand ab. In dem Ort der Bergankunft ist eine Menge los, auch auf den Straßen. Entlang der Zielgeraden gibt es auch heute hunderte von begeisterten Zuschauern, die natürlich auch die abgehängten Akteure über die Linie peitschen.

Wieder einmal liegt mein Rückstand deutlich unter 15 Prozent, so daß ich nicht den Bus ins Hotel benutze, sondern auf meinem Weg dorthin durch kleine, steile Gässchen eine lange halbe Stunde meine Beine ausfahre. Ich bin so geschafft, daß ich nach der Dusche erstmal ein wenig schlafe.

Der Ausblick von der Dachterasse unserer Unterkunft ist atemraubend, die Kinderportionen beim Abendessen allerdings auch. Rene mußte heute das Rennen wegen seines schlechten Gesundheitszustandes vorzeitig beenden. Thomas ist durch seine offensive Fahrweise nicht nur unser Bester, sondern wird auch Dritter in der Wertung ums Bergtrikot!


Zehnte Etappe Souk el Arbaa - Rabat über 115 Kilometer am 26. November

Ein letztes Mal wird sich die Karawane auf den Weg machen. Es soll in den Wohnort des Königs gehen, der allerdings Besseres zu tun hat, als ein paar verschwitzte Renner zu begrüßen. Vorher wollen wir gemütlich frühstücken, allerdings gibt uns der Ober um 08:20 Uhr zu verstehen, wir mögen uns beeilen, in zehn Minuten würde schließlich das Mittagessen aufgefahren. Dieses wird dann tatsächlich serviert, und hätten wir es 12 Stunden vorher bekommen können, wäre garantiert nicht so viel zürückgewiesen worden.

Bevor gestartet wird, müssen wir heute einen zweistündigen Transfer ertragen. Es gibt mehrere Aktive neben mir, die eine solche Fahrt ebenfalls nicht zu ihren Stärken zählen. Irgendwie ahnt jeder, daß es keine Champagneretappe geben wird, obwohl viele Renner angeschlagen sind.

Es wird dann auch nicht gebummelt, selbst Franck und ich reihen uns vorne ein, um den 13. Gesamtrang unseres Kapitäns zu verteidigen. Irgendwann fahren dann auch die Russen mit und als immer mehr vorne durch die Führung wollen, weil es mittlerweile eine anständige Windkante gibt, muß ich passen.

Weit hinter mir sehe ich einige Abgehängte, mit dabei die restlichen Deutschen mit ihrem Sieger des gepunkteten Trikots. Komischerweise wird hier noch voll gefahren, einen Tritt kann ich hier nicht auslassen, aber dafür die Führung.

In Rabat werde ich Letzter im Tagesklassement, in der Gesamtwertung erreiche ich immerhin einen 56. Rang - ein Franzose war noch langsamer :-)

Bevor wir im Bus nach Casa kutschiert werden, gibt es noch eine kleine Pizza. Kaum angekommen, stecken wir unsere Räder in die Radkoffer und warten auf die Siegerehrung.

Insgesamt haben wir eine harte Prüfung hinter uns gebracht, 43 Aufgaben unterstreichen das. Die Organisation hat es geschafft, die Strecke komplett freizuhalten, was in solchen Ländern wirklich nicht selbstverständlich ist. Und auch das Gepäck war immer am richtigen Ort. Es hat uns sehr viel Spaß gemacht, da uns unter anderem Hunderte von Zuschauern entlang der Ortsdurchfahrten frenetisch bejubelt haben und wir wurden darin bestärkt, auch in naher Zukunft eine solche radsportliche Herausforderung zu suchen.

Am nächsten Tag klingelt dann bereits um 04:30 Uhr der Wecker, Karsten und ich müssen den ersten Zug nach Marrakesh erwischen. Da wir mit unserem Gepäck vergeblich auf eine Beförderung hoffen, müsen wir uns für die 250 Kilometer ein Taxi nehmen...Natürlich hätten wir auch den Abendbus nehmen können, aber dann hätten wir nicht selbst miterleben dürfen, daß das Preisgeld erst nach unserer Abreise ausgezahlt wird.

Wir erreichen aber pünktlich unseren Flieger und so mit den letzten Sonnenstrahlen Deutschland.

Am Start für Marco Polo waren die Dänen Rene Ahrenkiel und Thomas Just (Team Farso), der Niederländer Franck Terwel (Cycling Team Jo Piels) und Oliver Stock (Nordland-Hamburg) als Renner, sowie Jan Hamstra, Tom Schellekens (beide NL) und Mohamed el Foukahi (Marokko) als Betreuer.