Nordland Hamburg Radsport
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Tour de la Pharmacie Centrale de Tunisie 2006


vom 22. - 29. April

Ein Erlebnisbericht von Oliver Stock


Bereits zum vierten Mal starten wir mit unserer Mannschaft Nordland-Hamburg bei einer Rundfahrt in Tunesien. Diesmal am Start sind Bodo Azzouz (Harburger RG), Karsten Keunecke (TV Jahn Siegen), Andreas Keuser (Radsport Team Essen 19/2), Frank Kwanten (Team Krolstone), Thijs Poelstra (Oldenzaale WC), Jean-Noel Wolf, Thomas Rabou (beide Marco Polo Cycling Team), Oliver Stock (SV Dassow 24) und Rik Sjim als unser Sportlicher Leiter.

Gleich nach der Auftaketappe nutze ich die Zeit, um einen kleinen Bericht zu formulieren. Es ist die Zeit, die wir eigentlich im Bus nach Sousse verbringen sollten, aber die Abfahrt wurde kurzfristig um eine Stunde vorverlegt, und da haben wir gerade einen schönen Mittagsschlaf gehalten...


Die vier Tage vor dem heutigen Beginn haben wir mit Training bei angenehmen 25° C verbracht, je nach Leistungsstand wurde zwischen 100 und 500 Kilometer auf dem Rad abgekurbelt.


Etappe 1 Kriterium in Tunis über 25 Kilometer

Vor dem Startschuß fahren alle Teilnehmer von dem Sitz des Hauptwerbepartners in einer Karawane eine halbe Stunde durch die Hauptstadt. Danach gibt es zu Beginn dieser Tour für tunesische Verhältnisse etwas Ungewöhnliches: die 72 Starter werden im Parc Belvedere auf einen ein Kilometer langen Kurs geschickt, auf dem 25 Runden zurückzulegen sind. Da nicht alle darüber informiert sind, daß sich das Ziel auf einem Hügel außerhalb der Runde befindet, jubeln unsere Fahrer zu früh über den vermeintlichen Doppelerfolg. Der Ärger hält sich aber in Grenzen, da ja noch acht Etappen vor uns liegen.



Etappe 2 Sousse - Sfax über 125 Kilometer

Am heutigen Sonntag sollte das erste Mal eine normale Distanz zurückgelegt werden; da einige in dieser Saison noch sehr wenige bis gar keine Rennkilometer in den Beinen hatten, waren wir sehr gespannt.

Und es ging auf den ersten 10 Kilometern sehr sportlich los, die ersten Fahrer wurden bereits sehr früh abgehängt. Nur gut, daß das Feld am Ortsausgang noch mal angehalten wurde, es war ja nur die neutrale Phase!

Danach durften die Renner das Tempo dann selbst bestimmen und es war tatsächlich deutlich angenehmer zu fahren. Allerdings wurde unser Mitstreiter Andreas zu Beginn in einen Sturz verwickelt, so daß er einige Zeit brauchte, um wieder vor zu fahren. An der Spitze bildete sich eine 15 Mann starke Gruppe, aus der sich Thomas mit einem Saudi absetzen konnte und diesen im Sprint um den Tagessieg keine Chance ließ. Er übernahm damit auch das gelbe Trikot des Führenden!


Obwohl wir wie gewohnt beim Gouverneur auf Kaffe und Kuchen eingeladen waren, hatte ich einen ganz guten Hungerast, immerhin war es für mich das erste Rennen über mehr als hundert Kilometer in diesem Jahr.

Am Abend gab es dann noch eine Besprechung mit dem Sportdirektor der veranstaltenden Pharmacie-Mannschaft. Diese wurde ähnlich abgehalten wie die Sitzungen vor den Nachtourkriterien. Naja, als Folge trösten wir uns damit, daß es noch andere Wertungstrikots als das Gelbe bei diesem Rennen gibt...


Etappe 3 Sfax - Gabes über 136 Kilometer

Eine weitere Windkantenetappe stand auf dem Programm und es gab heute natürlich viele kleine Gruppen. Ein einzelner Ausreißer war vorne weg, dahinter sprintete Jean-Noel erfolgreich um den zweiten Rang. Diese Platzierung brachte ihm genügend Punkte, um das Sprintrikot zu übernehmen. Wir werden morgen also mit zwei Wertungstrikots an den Start gehen, womit wir vor dem Rundfahrtstart wirklich nicht rechnen durften.


Für die große Mehrheit gab es bei der Siegerehrung im Rathaus des Bürgermeisters etwas zu Lachen: bedingt durch die Erdanziehungskraft und eventuell die manuelle Hilfe eines namentlich nicht bekannten Radrenners, rutschte unserem Betreuer Rik die Hose runter, so daß er plötzlich blank vor sämtlichen Offiziellen der Stadt dastand. Leider unterliegen die dort geschossenen Fotos der Zensur.


Königsetappe Gabes - Matmata über 175 Kilometer

Heute sollte also eine Vorentscheidung im Gesamtklassement fallen, was uns am Ende des Feldes nicht sonderlich interessierte. Mein persönlicher Plan war dann auch, möglichst bis zum ersten Berg im Hauptfeld mitzufahren, um nicht den ganzen Tag allein zu sein.

Naja, Theorie und Praxis sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe: am Ortsausgang gab es nämlich wegen einer Diesellache einen Massensturz, bei dem mindestens 20 Fahrer zu Boden gingen. Als Folge nahmen dann die favorisierten Mannschaften den Rest des Feldes auf die Windkante und ich war mal wieder abgehängt. So verbrachte ich dann den Tag mit Frank und Thijs, dessen Rahmen bei dem Sturzmanöver übelst gestaucht wurde, in einer 20er Ortsgruppe, in der wir Europäer so ziemlich sämtliche Führungen fahren durften.


Bodos Hinterradwechsel führte dazu, daß er sich mit einigen Senegalesen in der letzten Gruppe wiederfand, Karsten fuhr mit Spannung auf der Kette natürlich wieder vor! Nach etwa 100 Kilometern wurde es dann richtig bergig und man sah auch wieder einige Einheimische nach vorne kommen, schließlich fuhren viele der Begleitwagen vor unserer Gruppe in den ersten Berg ein.

Weiter vorne zogen Karsten und Thomas einige Male mächtig am Horn, erstgenannter wollte entweder nicht mit starker Leistung kurz vor der UCI-Tunesienrundfahrt auf sich aufmerksam machen oder es verließen ihn irgendwann die Kräfte, so daß er plötzlich allein mit einem Libyer unterwegs war. Daß er von da an komplett über mehr als 30 Kilometer in der Führung war, versteht sich von selbst, interessant aber, daß etwa 20 Kilometer vor dem Ziel sein Begleiter neben ihn fährt, ihm einen erdnusshaltigen Schokoladenriegel in die Hand drückt und Tschüß sagt: danach hängt er sich kurzerhand an seinen Materialwagen und macht noch einiges an Zeit gut.


Auch hinten wurde es richtig hart, an der Spitze des Rennens sicherlich für einige noch viel härter, schließlich gings es da um eine gute Platzierung. Es gewannen zwei Tunesier der Gastgebermannschaft mit einem beachtlichen Vorsprung von 5 1/2 bzw. 4 Minuten vor Jean-Noel, zusammen mit Thomas und Andreas sind alle drei aber weiterhin vorne mit dabei.

In dem Hotel der kleinen Ortschaft angekommen, wußte man wohl ob unserer Strapazen und den daraus resultierenden Hunger, so daß man auch gleich den üblichen Speisesaal sperrte und uns in einen anliegenden Stall zur Fütterung schickte.


Etappe 5 Matmata - Douz über 100 Kilometer

Nach einigen Hügeln zu Beginn des heutigen Tages, sollte es flach mit günstigem Wind durch die Wüste gehen. Das Tempo war zu Beginn wie immer sehr hoch, die Klassementfahrer waren vorne, Karsten und ich mit einer Reihe libyscher Nationalfahrer kurz dahinter. Die Jungs haben richtig Druck am Ende ihrer Saison, aber wenn es richtig schnell wird auf der Kante oder am Berg haben sie noch größere Probleme als so mancher von uns.


Diesmal gibt es keinen Fahrer, der Kamelle verteilt, und so habe ich nach der Hälfte der Strecke einfach dicke Hufe und sage leise Servus am Ende meines Grüppchens. Dann beginnt auch schon Langeweile pur, da es nichts außer Sand neben der Straße gibt. Ab und an fahren einige Konkurrenten mit mindestens 70 Sachen an mir vorbei, ich versuche gar nicht erst, in deren Windschatten zu kommen.

Kurz vor dem Zielort ist dann Thijs hinter mir und fragt nach den anderen Fahrern, ich antworte ihm mit der Geste eines steuernden Autofahrers... Egal, wir fahren nicht auf GK, sondern verbringen ein sonniges Trainingslager auf gesperrten Straßen!


Durch die etwas abenteurliche Zielankunft mit einem Kreisel, stehenden Fahrzeugen und Eselskarren, müssen einige Renner kurz vor dem Ziel anhalten, Jean-Noel hat Glück, auf der richtigen Seite gefahren zu sein und wird Dritter.


Etappe 6 Douz - Gafsa über 145 Kilometer

Heute verlassen wir Gafsa, das Tor zur Wüste, recht früh. Zwar ist der Start erst für 09:00 Uhr vorgesehen, aber die 30 Kilometer zum Startort wollen ja auch ersteinmal zurückgelegt werden. Dabei machen wir zwar einige schöne Fotos, teilweise ist die Belastung aber höher als im Rennen.

Dieses wird dann auch bis zur Bergwertung bei Kilometer 95 sehr langsam gefahren, danach sind wir für eine viertel Stunde aber schon wieder am Anschlag . Das Angebot unseres Betreuers, eine Trinkflasche in diesem Moment anzureichen, lehne ich mit einer unverbindlich kurzen Antwort ab - ich kucke über kreuz und kann mich einfach nicht entscheiden Nordland-Hamburg lächelt

Erst gegen Ende wird auf einer breiten Straße das Feld auf einer Windkante zerlegt und der Sieger aus der daraus resultierenden Spitzengruppe ermittelt. Wir können diesen zwar nicht stellen, aber Thomas und Jean-Noel werden zur Kontrolle gebeten - eine Sache die sich etwas in die Länge zieht.

Mit einem belegten Baguette besteigen wir dann den Bus, mit dem der 400 Kilometer Transfer bestritten werden soll. In der ersten Stunde schaffen wir gute 20 Kilometer, da wir eingeladen werden, Zeugen des Gemeinschaftstankens zu werden. Später müssen wir anhalten, da die Straße unter Wasser steht. Diese Gelegenheit nutze ich zum Umsteigen auf den Materialwagen, um den Rassenunruhen im Fahrdienst zu entgehen.


Das Abendessen besteht (vermutlich) aus Kuhhufen und wird gegen 22:30 Uhr serviert. Die benachbarte Pizzeria ist schneller.

Danach stellen wir auf dem Zimmer fest, daß kein Wasser für die Spülung des Abortes vorhanden ist. Wir vermuten, es dürfte nur ein lokales Problem sein, und unser Franzose geht ins Nachbarzimmer. Dort testet er die Wasserspülung, sie funktioniert einwandfrei. Nach der Besteigung des Throns macht er allerdings die Feststellung, daß es ein Strohfeuer war und er verläßt fluchtartig den Ort des Geschehens - wir kringeln uns vor lachen und können einfach nicht einschlafen. Natürlich vergessen wir nicht, unsere Tür zu verriegeln, um einer eventuellen Revanche zu entgehen.


Etappe 7 Beja - Ain Drahem über 108 Kilometer

Der bevorstehende Teilabschnitt wird die Fahrer durch einige zum Teil steile Hügel führen, um sie im Ziel auf dem Berg in Ain Drahem willkommen zu heißen. Ich verabschiede mich frühzeitig und verbringe den Tag mit einem Einheimischen, der die Strecke noch nicht kennt.

Vorne fährt Andreas eine Attacke, die Verfolgungsarbeit der konkurrierenden Mannschaften verläuft zäh, dennoch wird er später aufgefahren. JeNo geht es nicht gut, auch Thomas kann dem Etappensieger Hassen Ben Nasser nichts entgegensetzen.


Während die Siegerehrung stattfindet, befinde ich mich am Fuße des Berges. Die Straße hat eine Markierung, auf der eine 5 Kilometer Marke zu lesen ist, allerdings kopfüber in Richtung Tabarka. Meinem Begleiter ist dieses nicht bewußt und er beschleunigt. Natürlich freue ich mich, ausnahmsweise mal an seinem Hinterrad fahren zu dürfen. Einige Minuten später beginnt der Schlußanstieges und ich kläre ihn auf. Seine Kinnlade fällt herunter, seine Geschwindigkeit verringert sich stark und ich sehe ihn erst grinsend beim Abendessen wieder.


Während ich mich wieder mal einen Berg hochquäle und über den Sinn des Radfahrens sinniere, fährt zur selben Stunde ein Deutscher bei der Tour de Romandie ebenfalls mit mehr als 40 Minuten Rückstand in den Bergen über den Zielstrich. Dieser muß sich allerdings für seine Leistung rechtfertigen.

Vor dem Abendessen wird noch schnell das Rad geputzt, das Wasser dazu spendiert mir der Küchenchef persönlich.


Etappe 8a Tabarka - Beja über 70 Kilometer

Das Rennen ist im Klassement entschieden, dennoch könnten zwei Fahrer unserem JeNo das Trikot des Punktbesten wegschnappen, also heißt es aufpassen! Es geht dann auch tatsächlich eine Gruppe mit den Konkurrenten, und so spannen wir uns alle vorne ein. An einer Welle habe ich meine Schuldigkeit getan und verabschiede mich, Karsten kann mit dem 12er bergab nicht mithalten und ist wenigstens so nett, umzudrehen und mir wieder entgegen zu kommen.


Es ist doch recht aufreibend, einen Großteil der Etappe die Führung mit einem Libyer zu teilen, während der Rest der Ortsgruppe Kräfte schonen möchte. Wir nutzen schließlich zu Dritt einen Hügel, um uns davon zu machen, schließlich will niemand von uns das Mittagessen verpassen.

In einer Baustelle mit Kreisel kann ich noch einmal Crossqualitäten demonstrieren, revanchiere mich aber für Karstens Freundlichkeit und warte. Sein sparsamer Blick ist für mich ein unausgesprochenes Lob. Die Zeit bis zum Start des Schlußabschnittes verbringen wir mit Rad- und Körperpflege.


Etappe 8b Beja - Tunis über 110 Kilometer

Wie in Tunesien üblich, gibt es zu guter Letzt eine Friedensetappe. Nur ein Franzose aus der Mannschaft des Gelben kennt die Spielregeln nicht: er attackiert im 30 Minuten Rhythmus, wird gestellt und ausgebuht.

Ich nutze irgendwann mit Karsten eine geeignete Stelle für eine Pinkelpause. Während wir durch die Autos vorfahren, steckt mir der Sportliche Leiter der Pharmacietruppe eine Packung Kekse zu, ich möge sie doch bitte dem Franzosen seiner Mannschaft überreichen: es ist der Attackeur!


Und als ich gerade durchs Feld nach vorne fahre, springt wieder jemand weg. Richtig, zum wiederholten Male derselbe Spielverderber. Er hat schon 150 Meter Vorsprung, dennoch nehme ich die Verfolgung auf, denn Auftrag ist Auftrag, die Befehlsbefugnis mal dahingestellt.

Einen Kilometer fahre ich AK, die Renner hinter uns sind nur noch kleine Punkte am Horizont, dennoch fehlen mir die letzten 10 Meter, um an sein Hinterrad zu kommen. Ich rufe seinen Namen, er dreht sich um und wartet. Kaum bin ich dran, richte ich mich auf, um die Verpflegung zu übergeben, danach nehme ich sofort die Beine hoch: er hat mehr als ein Fragezeichen auf der Stirn Nordland-Hamburg lächelt

Als alle wieder zusammen sind, wird gelacht und es bleibt endlich komplett ruhig - bis 21 Kilometer vor dem Ziel. Dort erlaube ich mir, 1000 Meter vor dem verabredeten Rennstart anzugreifen, das Überraschungsmoment ist auf meiner Seite. Ich merke schnell, daß wir Gegenwind haben, dennoch halte ich mich einige Zeit vorne.


Als ich gestellt werde, bekommt der Führende einen Defekt und es wird gebummelt. Ich überlege, ob ich bei früherer Defekthexe vielleicht durchgekommen wäre...

Das Lob eines Holländers für meine Flucht ist Ehre genug, so daß ich 3 Kilometer vor dem Ziel ausrolle. So verpasse ich den Etappensieg von Jean-Noel, der somit auch das Grüne Trikot souverän verteidigt. Mit Thomas, Andreas und JeNo platzieren wir gleich drei Fahrer unter den ersten fünf. Es wäre schade, wenn wir uns durch überragende Leistung für die Zukunft disqualifiziert hätten.

Diese Rundfahrt geht zu Ende, alle sind froh, halbwegs heil durchgekommen zu sein. Inwieweit die Form nach dieser Tour ansteigen wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Wir feiern am Abend eher bescheiden: Kekse statt Bier! Dennoch sind wir uns sicher, nicht das letzte Mal in diesem Land Nordafrikas aktive gewesen zu sein.