Zwischen Flut und Putsch - ein Kurzbericht von Oliver Stock
Es war schon ein bißchen schade, den Altweibersommer in Deutschland verlassen zu müssen, wohlwissend, daß wir bei unserer Rückkehr vom Herbst empfangen werden. Aber die wirklich idealen Wetter- und Straßenbedingungen im Süden Thailands sprechen für sich.
Nach zwei Flügen landen Peter und ich auf dem Don Muang Flughafen in Bangkok und müssen jetzt noch den Weiterflug nach Hat Yai organisieren. Kein Problem in Asien, den Flug 90 Minuten vor Abflug zu buchen. Wir sind dann auch bereits weg, als es innerpolitische Spannungen samt Panzeraufmarsch in der Hauptstadt gibt. Die Lage in Hat Yai hatte sich bis zu unserem Erscheinen ebenfalls beruhigt und die Autowracks waren nach den Explosionen beseitigt worden, so daß wir als so ziemlich die einzigen Touristen vor Ort sind und uns voll auf den Sport konzentrieren können.
Viel Zeit zur vollständigen Akklimatisierung bleibt nicht, aber nachdem wir am ersten Tag bis zum Mittag geschlafen haben und so im Training in den Nachmittagsschauer fahren, wollen wir es am zweiten Tag besser machen - klappt selbstverständlich nicht, aber diesmal war Karsten angereist und wir erzählen ihm von dem uns täglich zu erwartenden Wetterritual. Das nach zwei Stunden klickern auf dem Rad noch mal mindestens 30 Minuten zum Putzen investiert werden müssen, da es an so mancher Stelle Lehm auf der Straße gab, steht natürlich nicht im Verhältnis. Aber bevor wir vor Langeweile auf Piste gehen oder gar Kekse und andere Süßigkeiten beim Höker vorm Hotel kaufen, beschäftigen wir uns natürlich lieber mit unserem Sportgerät :-)
Am Tag vor dem Start treffen wir in der Fahrerunterkunft, einem 5-Sterne Hotel am Rande der Innenstadt, unsere Mannschaftkameraden Stefan und Jerome. Dieser hat für diese Tour seinen Vereinskollegen Richard als Betreuer verpflichten können. Es gibt für alle während des Empfanges ein Dokument mit Lichtbild, welches die Zugehörigkeit zur Rundfahrt dokumentieren soll. Es sieht sehr wichtig und auf alle Fälle offiziell aus - außer den Einheimischen hat es wohl nie jemand getragen.
Bei dieser Gelegenheit lernen wir, wie bei fast jedem Rennen auf diesem Planeten, einige Niederländer kennen. Zur Feier des Tages hat der Organisator eine Musikgruppe, Tänzer und Akrobaten bestellt, die uns beim Abendessen unterhalten sollen. Es handelt sich um eine wirklich sehr gelungene Vorstellung, bei der leider nicht alle bis zum Schluß bleiben. Die nächsten Tage sollten wir früh ins Bett gehen, denn der Start ist jeweils für 08:00 oder 09:00 Uhr angesetzt.
Pünktlich um 06:30 Uhr sehen wir unsere Konkurrenten, den Zeitplan des Veranstalters einhaltend, mit dem Rad zum Startbereich aufbrechen. Wir winken ihnen nach - und gehen zum Frühstückbuffet. Wir sind aber nicht zu spät dran, denn Fahrer aus den Niederlanden, Australien und der einzige Kanadier essen ebenfalls zu dieser Uhrzeit.
Anschließend machen wir uns auf den Weg, melden uns bei der Einschreibkontrolle, stehen parat beim Fototermin und füllen unsere Trinkflaschen am Materialwagen (hier ein Tuk-Tuk= ein zu allen Seiten offenes Miettaxi mit Zweitaktmotor). Bei 34° C Lufttemperatur und stahlendem Sonnenschein wird trinken heute entscheidend sein. Oder die Aufmerksamkeit während der ersten 30 Kilometer! Es geht nämlich sehr früh eine Gruppe, der sich immer mehr Renner anschließen und schon bald ist das Feld zweigeteilt und bis auf unseren Eidgenossen sitzen wir in der hinteren Gruppe. Klassement ist gemacht und niemand will sich mehr weh tun. Das ist dann auch ganz gut, da wir unseren Begleitwagen ca. 80 Kilometer vor dem Ziel das letzte Mal sehen.
Einigen wenigen Fahrern, darunter auch Peter, ist es dann doch zu langweilig und sie attackieren. Immerhin springen im Ziel 5 Minuten Vorsprung und eine Flasche Wasser vom Komissär dabei heraus.
Bei unserer Ankunft setzt Regen ein, und wir fahren tatsächlich die letzten 1000 Meter in einen Schauer hinein, der unsere Räder wieder total einsaut. Wir werden aber später feststellen, daß Richard nicht nur Getränke einkauft und anreicht, die Beine massiert, Fotos macht und die Damenwelt begeistert, sondern auch nach den Etappen die Räder (auf der Bude!) säubert!
In der vorderen Gruppe kommt es ab 30 Kilometer vor dem Ziel zu zahlreichen Attacken, von denen Stefan die meisten mitgeht oder selbst startet. Bei der entscheidenden ist er zwar nicht dabei, aber er wird Achter und hat in den nächsten Tagen noch alle Chancen.
Durch die An- und Abreise zum Start-Zielbereich plus der neutrale Phase kommen heute nochmal mindestens 25 Kilometer zusammen, so daß wir am Nachmittag ganz schön zufrieden sind und nach einer Kelle Reise erstmal an der Matratze horchen.
Heute sehen wir tatsächlich noch einige Asiaten den Speisesaal verlassen, als wir zum Frühstück gehen. Wir sind heute also pünktlicher dran oder unsere Konkurrenten entspannter als gestern.
Die Etappe beginnt an der ersten Autobahnbrücke nach 500 Metern mit einer Attacke. Immer wieder setzen sich kleinere Gruppen ab, die aber relativ schnell wieder gestellt werden. Ich stelle fest, daß die Anstrengungen enorm in der Relation zu 50 Metern Vorsprung auf das jagende Feld sind. Wenigstens kann ich bei dieser Gelegenheit Karsten darüber informieren, daß wir uns in der falschen Flucht befinden.
Kurz vor der Sprintwertung bei Kilometer 50 setzen sich 12 Fahrer ab, zu denen auch Jerome und Karsten gehören. Es kehrt Ruhe ein im Hauptfeld, dafür setzt am Ende des Feldes ein reges Treiben ein, als die Helfer Wasser holen. Die Strecke führt uns in Richtung der malayischen Grenze. wir bewegen uns auf dem Militär vorbehaltenen Wegen und erkennen klar mehrere Grenzzäune und Wachttürme - ein aus europäischer Sicht mittlerweile sehr ungewohntes Bild.
Es geht ständig auf und ab und so vermuten wir, daß vorne wohl die Gruppe kleiner gemacht wird, damit sie besser rollt. Richtig: von 12 Ausreißern beliben vier übrig, den Nummern nach aber keiner von uns. Als Jerome zurück ist, erzählt aber von dem enormen Druck eines deustchen Fahrers, der alles gibt, damit die Gruppe möglichst lange vorn bleibt oder sogar durchkommt.
Das Feld wird es auch nicht mehr schaffen, alle Fahrer zu stellen, lediglich zwei von vieren müssen der Anstrengung, der Hitze und der Zeitumstellung Tribut zollen: ein Holländer und Karsten fallen zurück und ermöglichen so dem Kanadier, den Sprint gegen einen Japaner für sich zu entscheiden. Auf den Hügeln vor dem Ziel ist es dann wieder Stefan, der sein Heil in der Flucht sucht und mit einigen Sekunden vor dem Feld Vierter wird. Wenn seine Form weiter ansteigt, werden wir vielleicht sogar noch ein Foto mit ihm auf dem Stockerl schießen dürfen.
Heute halten wir uns dann auch nicht lange im Ziel auf und fahren zügig ins Hotel, um von dort gleich zum örtlichen Einkaufszentrum aufzubrechen. Die Schnellgerichte aus der westlichen Zivilisation stammend, üben wahrlich eine magische Anziehungskraft aus, der wir schon nach der zweiten Etappe erliegen. Während unseres Mahls verdunkelt sich der Himmel enorm und es kommt zum täglichen Regenguss - da freuen wir uns natürlich, daß der Start immer sehr zeitig angesetzt ist und wir somit trockenen Fußes das JB Hotel erreichen.
Neuer Tag, neues Glück! Mittlerweile kennen sich so ziemlich alle Fahrer in dem recht kleinen 60-köpfigen Feld, so daß man weiß, auf wen es zu achten gilt. Als dann die Attacken starten und schließlich eine Gruppe abfährt, kucken wir uns alle doof an: keiner (Karsten) von uns ist dabei.
Da beklagen wir uns auch nicht, als das Tempo forciert wird und wir nach 110 Kilometern wieder alle zusammen sind. Es dauert nicht lange, bis neue Vorstöße kommen und sich ein kleines Häuflein auf den verwinkelten, leicht ansteigenden Wegen absetzen kann. Diesmal ist unser Mann aus der Abteilung Attacke dabei, mal sehen was er draus macht.
Die Zwischenzeiten sehen gut aus, aber auch im Feld wird nicht gebummelt. Das Peloton zerreißt an einem Zieher, Stefan fährt ab und sogar vorne ran, Peter in einer Gruppe dahinter, dann kommt das Hauptfeld. Im Sprint ist die Harmonie meiner beiden Mannschaftkollegen noch nicht perfekt, so wird Stefan wieder Vierter und Karsten Sechster. Peter klettert,aufmerksam fahrend, im Klassement einen Platz nach oben. Alle sind heute mächtig erschöpft, da die Hitze schon vor dem Start drückend schwül war und sich nicht undbedingt leistungssteigernd ausgewirkt hat.
Dafür brauchen wir das Hotel heute nicht zum Mittagessen zu verlassen: Richard bringt uns auf dem Heimweg gleich die Fritten mit! Er denkt halt an alles und am Abend an seinen Haarschnitt: beim zweiten Besuch des benachbarten Friseursalons traut er sich, einer thailändischen Schönheit mit dem Auftrag zur Kürzung der Spitzen zu beglücken. Das Resultat ist bemerkenswert, bedauerlich aber, daß er sich nicht von hinten sehen kann!
Es ist Sonntag und während die Starter in Salzburg noch tief und fest schlafen, stehen wir schon bei der Einschreibung und freuen uns mit Karsten, der nach zwei Attacken in den letzten beiden Tagen heute mit einer roten Nummer fahren darf.
Es geht hektisch los, Karsten ist als Aufpasser vorne dabei. Nur ganz vorne sind bereits zwei Renner auf und davon gefahren. Vor dem Tagessprint wird es im Feld schnell, als es bei uns plötzlich einen Defekt gibt. Unser Tuk-Tuk kommt herangebraust, Richard steht hinten auf dem Trittbrett und als er fast dran ist, springt er ab, um keine unnötigen Sekunden zu verlieren.
Nur schade, daß in diesem Moment der Künstler am Steuer bremst und unser Mädchen für alles auf dem Sand des Standstreifens keinen Halt findet. Er macht auf dem Asphalt einen astreinen Bauchklatscher; das Vorderrad rollt nach rechts in die Materialwagenkolonne und wird dahingerafft, das Hinterrad springt nach links in den Graben. Peter fährt mittlerweile mit meinem Laufrad dem Feld hinterher, konnte sich aber ein Lachen nicht verkneifen, als er angeschoben wird.
Ich lasse mir Zeit mit dem Wechsel des Rades, ist es doch üblich den Windschatten des Autos zu nutzen, wenn es nach einem Platten darum geht, wieder heranzukommen. Leider habe ich die Rechnung ohne den Wirt, hier ist es der Motorradkomissär, gemacht. Er schickt den Chaffeur nach vorn, ich bin alleine hinten. Um nicht von den nach mir gestarteten Frauen eingeholt zu werden, nutze ich eine günstige Gelegenheit, das Auto zu besteigen, nämlich dann, als die Renner durch einen Ort geschickt werden, der für die Fahrzeuge nicht zu befahren ist.
Natürlich fehlt Karsten nun sein wichtigster Helfer, um die sechs Ausreißer, die es mittlerweile sind, wieder aufzufahren. Alles sollte im Dienste Stefans, der normalerweise der Kapitän von GS Luongo Pansan ist, geschehen, damit er im GK vielleicht doch noch aufs Treppchen kommt. Daraus wird dann nichts, da sich die Ausreißer einig sind. Ist auch in diesem Fall kein Kunststück, da fünf (!) Fahrer aus der indonesischen Mannschaft CCC Jakarta kommen! Wenigstens kommt Peter durch harten Kampf nach einer halben Stunde zurück!
Zu diesem Zeitpünkt fahren lediglich ein paar Niederländer halbherzig von vorne, die Japaner wissen um die Schwächen ihres Gelben am Berg, die Australier halten sich vornehm zurück und Giant Asia will die Verantwortung, trotz eines jungen Gipfelstürmers, der in aussichtsreicher Position liegt, nicht übernehmen.
Im Zielbereich des königlichen Parks von Hat Yai muß 5 Kilometer vor dem Ziel noch ein Hügel erklommen werden. Er ist so steil und die Abfahrt derart rasant, daß nur sehr kleine Grüppchen in den Zielbogen einfahren. Im Klassement fällt unser Kapitän wegen der Ausreißer auf Rang zehn zurück und Peter erreicht einen Platz unter den ersten 30. Über die anderen Klassierungen schweigen wir uns lieber aus, da auf Plazierungen der Helfer ohnehin niemand Wert legt.
Da die Siegerehrung in einem würdigen Rahmen im Hotel stattfindet, kehren wir zurück, nicht auf einige Erinnerungsfotos verzichten zu müssen. Am Abend werden dann die Trophäen und Siegerschecks überreicht, anschließend gibt es zum Vergnügen der Feierwilligen Freibier und verschiedene musikalische Aufführungen, die nicht von schlechten Eltern sind.
Während die meisten Rundfahrer die Stadt einen Tag später verlassen, machen wir noch einige kleinere Ausfahrten an den Strand, die Grenze oder an einen Wasserfall. Danach steht zunächst Karstens Rückfahrt an, wir folgen einen Tag später. Dabei haben wir Glück, daß wir nicht nur auf dem neuen Suvarnabhumi Flughafen landen, sondern auch von dort abfliegen. Hätten wir einen Tag vorher, genau wie Karsten, noch einen Flughafenwechsel organisieren müssen, wäre das aufgrund von Hochwasser ziemlich schwierig geworden. Zur Zeit der Flughafenneuröffnung liegen wir dann allerdings in den noch nicht bezogenen Büros der Fluggesellschaften und träumen von einem Hotelbett.
Kaum zurück in Deutschland werden wir nicht nur mit der Unpünktlichkeit der Bahn konfrontiert (wir winken am Flughafen Frankfurt dem ICE zu, der um 22:30 Uhr Hamburg erreichen soll, während wir zu dieser Zeit befürchten, eine Bimmelbahn in Würzburg nehmen zu müssen, die erst um 07:15 Uhr morgens unser Tagesziel erreichen soll. Aber auch der dritte ICE verpätet sich glücklicherweise, so daß es da schon die schönere Alternative ist, sich wegen der Nachtfahrpause der U-Bahn, um eine andere Fortbewegung zu kümmern!), sondern wieder von vielen stark gestreßten Autofahrern im Training begrüßt, so daß wir die freundlichen Asiaten, die vielerorts vom Wegesrand, von Mopeds oder auch aus Autos und Bussen heraus uns zuwinken, vermissen. Da freuen wir uns schon auf das nächste Rennen in diesem Teil der Welt.
Am Start waren Jerome Terrienne (UC Pontchateau), Stefan Rauber (GS Luongo Pansan), Karsten Keunecke (TV Jahn Siegen), Peter Lemke (Harburger RG), Oliver Stock (SV Dassow 24) und Richard Roya aus Nantes als Sportlicher Leiter, Mechaniker und Masseur.