Bebilderte Eindrücke von P. Lemke und O. Stock
Zum dritten Mal findet die Pharmacie-Rundfahrt heuer statt und wird in diesem Jahr vom Weltradsportverbandes in die Afrikatour aufgenommen. Es geht also um UCI-Punkte und wir erwarten somit alles eine Nummer größer und sportlicher.
Wir sind mit folgender Besetzung am Start: die Fahrer Bodo Azzouz, Peter Lemke (beide Harburger RG), Philip Kaczmarowski (FC St.Pauli - Team Langbehn), Andreas Keuser,Karsten Keunecke, Oliver Stock (alle Radsport Team Essen 19/2) und dem sportlichem Leiter Hermann Thomsen, dem Mechaniker Mohamed el Foukahi aus Marokko und der Physiotherapeuthin Brigitte Thomsen.
Die Anreise von den verschiedenen Flughäfen verläuft problemlos, das Eintreffen am Mittwoch zwingt uns aber zu einem Ruhetag, da es anständig regnet, während in Hamburg 28° C gemessen werden :-(
Nach einer kleinen Runde durch die tunesische Hauptstadt am Vortag des Rennens, werden wir mit dem Etappenplan überrascht: gleich die ersten beiden Tage geht es durch die Berge!
Zu den anstehenden Rennkilometern kommt vor dem scharfen Start noch mal eine 35 Kilometer Werbefahrt durch Tunis hinzu, so sind wir wenigstens ausreichend warm. Es zeigt sich aber, daß es nicht unser Tag ist: Peter ist erst nachts angereist und noch mit der Satteleinstellung beschäftigt, als der Startschuß fällt. Nacht acht stolzen Kilometern Alleinfahrt schließt er zum Feld auf!
In der zweiten Rennhälfte hat Peter die Auswirkungen des Schlafmangels und der Dehydration überwunden. Er findet seinen gewohnten Tritt wieder und läßt alle Ortsgruppen unbeirrt hinter sich. Die Beine werden immer besser und er erreicht noch einen Platz im Mittelfeld.
Andreas verpasst die Spitzengruppe, da sein Motor erst nach mehr als hundert Kilometern anspringt, zwar rettet er sich als Dreizehnter mit zwölf Minuten Rückstand ins Ziel, sieht aber nicht wirklich zufrieden aus.
Bei Karsten läuft es umgekehrt: an den ersten Steigungen bestimmt er das Tempo, sogar der spätere Sieger muß sich zusammenreißen, um dran zu bleiben. Irgendwann fühlt er sich aber schlagartig so kraftlos, daß er auf seine Mannschaftskameraden wartet.
Olli ist einer seiner Begleiter, muß aber später auch mit Hungerast etwas kürzer treten. Bleibt also nur Philip, der zwar mit seinem Gewicht hadert, aber in Relation zu seinen allgemeinen Kletterfähigkeiten ein mehr als anständiges Rennen fährt.
Nur Bodo läßt sich an diesem Tag kein fremdes Tempo aufzwingen und fährt seinen Stiefel, allerdings nicht auf der korrekten Strecke, so daß er einige Zeit nach der Zieldurchfahrt des Besenwagens vermißt wird und von unserem Betreuerstab eingesammelt werden muß.
Es hätte besser laufen können! Auch der Defekt von Karsten auf der Fahrt zum Hotel, die auch noch mal gute 30 Kilometer lang ist, sollte sich morgen möglichst nicht wiederholen.
Nach einem großen Frühstück geht es von unserem Hotel mit Meerblick in die nahegelegene Stadt. Pünktlich vor dem Start fängt es zu regnen an und die Straßen sind schön rutschig. Nach knapp 10 Kilometern haut es auch den ersten Renner auf den Asphalt. Ollis Entscheidung zu bremsen, endet ebenfalls mit Bodenkontakt und anschließendem Einstieg in den Besenwagen: Schaltauge verbogen und Bremshebel kaputt :-(
Kurze Zeit später ist er dann Peters persönlicher Betreuer, der heute zusehen muß, sich nicht von den anderen Fahrern des Grupettos austricksen zu lassen.
An der Spitze gibt es verschiedene Angriffe, so versucht zum Beispiel Andreas verlorengegangene Zeit von gestern zurück zu erkämpfen. Nach 30 Kilometern wird dieser Versuch allerdings von den starken Tunesiern um Ben Nasser und Brini beendet. Im Sprint um die Vereinshackordnung kann er aber Karsten hinter sich lassen: mit den Plätzen sieben und acht sind wir sehr zufrieden.
Verwirrung am Start: es stehen plötzlich zwei Fahrer mit dem Bergtrikot da! Durch unterschiedliche Interpretationen der Bergwertungen kommt es zu einem Mißverständnis. Alles klärt sich, es bleibt auf den Schultern des Parchimers Sellnow.
Heute steht nur eine Steigung auf dem Programm, so daß sich eine Fluchtgruppe über diesen Punkt herüberretten könnte. Ergo gibt es gleich ab dem Start Attacken. Mit dabei natürlich der uns bestens bekannte Markus Weinberg. Und da Karsten um die Stärken des Dresdeners weiß, geht er mit.
An der Wertung sichert er sich souverän die 25 Punkte für das Rotgepunktete, von acht Fahrern bleiben auch nur drei übrig: Markus, Karsten und der Libyer Khaled. 25 Kilometer vor dem Ziel ist der Vorsprung über fünf Minuten groß, da erwischt es Karstens Hinterrad: Plattfuß!
Der Nationaltrainer Libyens grüßt noch, so daß erst mal guter Rat teuer ist - Materialwagen von uns oder der anderen deutschen Mannschaft durften nicht vorfahren. Damit geht ein sicherer Podiumsplatz verloren, der Frust ist groß!
Andreas, Philip und Peter haben keine Probleme, sondern fühlen nach dem Scheitern der sicher geglaubten erfolgreichen Attacke mit. Bei einer Erfrischung in den Räumlichkeiten des Bürgermeisters wird die Situation noch mal diskutiert und es wird bis Rundfahrtende die einzige ohne Auto an der Spitze bleiben. Der Etappensieger Markus lädt uns beim Buffet zu einem leckeren Kuchen ein.
Während die meisten Teilnehmer 30 Kilometer außerhalb Kasserines untergebracht werden, schlagen die drei deutschsprachigen Mannschaften ihr Quartier im Hotel "Zum Weißen Rössl" auf 
Ein bescheidenes Frühstück lädt uns nicht zum verweilen ein, der Start ist auf 08:00 Uhr angesetzt, es dürfte aber die Abfahrtszeit der Renner aus dem anderen Hotel sein. Da zumindest die Guten das Rad nutzen, sind sie für diese Kurzprüfung gleich vorgeglüht. So geht dann natürlich auch Attacke auf Attacke, dazu Windkante, einige Defekte und Stürze.
Kurz vor dem Ziel finden sich zwanzig Mann zusammen, Andreas möchte in Position gefahren werden, um seine Ortskenntnis auszunutzen: letztes Jahr konnte man 200 Meter vor dem Ziel mit einem gelernten Sprung, die Außenbahn vermeidend, durch ein Kreiselinneres den direkten Weg fahren und so einen kleinen Vorsprung erschleichen.
Dieses Mal stehen dort Absperrgitter und auch Karsten kann seine ihm zugedachten Helferaufgaben nicht erfüllen, da er etwa 20 Kilometer vor Gafsa von seinem Bornmann-Gefährt auf ein Rennrad einer gleichnamigen Illustrierten umgestiegen ist. Die Potsdamer Equipe hatte ihm dieses nach einem Kettenriß zu Verfügung gestellt - Danke für diese sportliche Einstellung!
Während er also gerade wegen einer erneuten Panne mit seinem Schicksal hadert und unter den Augen Peters die Kompatibilität eines französischen Pedalsystems mit einem japanischen Schuhsystems testet, biegt ein grün-weißes Trikot in den Kreisverkehr ein und fährt einen fulminanten Schlußspurt: Andreas wird Zweiter, nur ein Tunesier war auf den letzten zwei Kilometern der Gruppe enteilt.
Wie eine Belohnung empfinden wir die heutige Herberge: ein Hotel der Fünf-Sterne Kategorie mit riesigen Zimmern, irrem Schwimmbecken und Verbindung zur modernen Welt: kabellose Internetverbindung in den Fluren
Vergnügen auf 80 Kilometer nagelneuem Asphaltbelag durch die Steppenlandschaft, doch nach 10 Kilometern verabschieden sich die Ausreißer auf einer Rüttelstraße. Philip ist mit dabei. Es herrscht beständiger Gegenwind, der mit der Distanz stärker wird. Zunächst gibt es recht bequemes Tempo im Peloton, vorne fahren sie sich das Weiße aus den Augen: 5 Minuten Vorsprung!
Das Verfolgerfeld fährt zwischenzeitlich scharfe Jagden, so daß superharte Windkantenabschnitte zu überstehen sind. Karsten und Peter kämpfen um den Anschluß - während Karsten auch die zweite Große Jagd überlebt, muß Peter diesmal passen. Andreas hält wie gewohnt seine Position und hat keinerlei Schwierigkeiten.
Derweil übersteht Philip die Selektionen der Spitzengruppe und fährt ein bravouröses Rennen. Er bestätigt sein Können als Sprinter und Rolleur: im Zielort taktiert er gut und wird nur von Markus Weinberg knapp geschlagen. Die Freude ob dieses unerwarteten Erfolges ist natürlich groß. Gefeiert wird wegen verständlicher Müdigkeit dennoch nicht. Ein doppelter Nachtisch beim Essen reicht aus.
Das Rennen beginnt im 50er Tempo auf der welligen Schnellstraße Richtung Tripolis. Die Potsdamer Mannschaft möchte die Protagonisten herausfordern und bis zu den Hauptschwierigkeiten des Tages weichkochen. Als es zur Halbzeit rechts ab geht, beginnt eine Grobsplitstraße, auf der bis zum Fuß der Berge eine Windkante gefahren wird.
Philip darf sich nach seinen gestrigen Strapazen erholen und Karsten wird ihm zur Seite gestellt. Andreas schlägt sich bis zum letzten Anstieg wacker in der Kopfgruppe, kann aber heute nicht ganz mit den Topfahrern mithalten. Mit einer Minute Rückstand auf den Gelben, aber an der Seite seiner direkten Konkurrenten, festigt er seinen achten Gesamtplatz.
Das südliche Gebirge trennt die Wüste von der Küstenregion und bildet eine epische Kulisse für das heutige Rennen. Es wechseln harte Anstiege mit kurzen Abfahrten. Die Straße windet sich wie eine Schlange um den Gebirgszug, so daß wechselnde Winde die Fahrer treiben oder stehen lassen.
Peter hat heute freie Fahrt und nutzt diese natürlich: auf der Strecke, die einer Achterbahnfahrt gleicht, fährt er in der zweiten Hälfte des Rennens seinen gewohnten Tritt. Mit einem Platz im vorderen Mittelfeld unterstreicht er seine ansteigende Form. Schade, daß die Etappe kurzfristig um 50 Kilometer gekürzt wurde, es wäre schön gewesen...
Entsprechend des Profils und beschriebener Bedingungen kommen die Fahrer einzeln oder bestenfalls in kleinen Grüppchen ins Ziel.
Der Tag beginnt mit einem Transfer. Die Karawane fährt los, nachdem alle Aktiven ihre Plätze eingenommen haben - und da Olli kein Aktiver mehr ist, erwischt es ihn mit runtergelassenen Hosen. Nur gut, daß der Hotelparkplatz recht klein ist, und der Bus noch wenden muss...
Beim Mittagessen im Hotel des Startortes vernehmen wir dann folgenden Spruch: "Dieses ist die am meisten unterschätzte Etappe". Es geht gegen den Wind auf rauem Asphalt nach Norden. Vorne folgt eine Attacke der anderen, hinten hängen die Jungs den ganzen Tag auf der Kante und kämpfen ums Überleben.
Erste Aufgaben untermauern die Mittagsprognose: Philip ist schon seit gestern übel, er muß sich nach seinem Erfolg auf Etappe 5 nicht ärgern, als er in der Ambulanz Platz nimmt. Der Fahrer der anderen deutschen Mannschaft, der stellvertretend das Grüne Trikot trägt, ist ebenfalls raus und tief enttäuscht.
Nach einem Loch kämpft sich Peter zurück ins Feld und realisiert, daß er diese Kraftanstrengung nicht allzu oft ertragen werde. Um nicht drei Stunden bei diesem fiesen Sturm in der Ortsgruppe zu leiden, sucht er nach 40 Kiometern sein Heil in der Flucht.
Als wenn die Konkurrenten auf seinen Antritt gewartet hätten, bildet sich umgehend eine Gruppe mit starken Fahrern, die schnell einen Vorsprung gewinnt. Der starke Wind läßt sie selten über 40 km/h fahren. In der Führung sieht Peter die Pressefotografen am Streckenrand. Ja, für ein schönes Foto verlängert er gerne seine Führung. Nach 50 Kilometer Tete de la Course gehen harte Attacken, da einige Fahrer nicht mitführen wollen oder können.
Leider ist Peter nach seinen Männerführungen so angeschlagen, daß er die Tempowechsel nicht verkraftet und mit einem Tunesier, Algerier und Saudi abfällt. Bei Kilometer 100 geschluckt, hält er sich weiterhin im Vorderfeld auf. Allerdings nur bis zum Ortseingang, dann ist die Luft raus und er prominiert allein durch die Innenstadt des Touristenortes Sousse.
Sein Foto aus der Fluchtgruppe ist super gelungen, wir bestellen es. Einem anderen Fahrer hat es scheinbar auch gefallen, also gehen wir leer aus. Beim Abendbuffet gratuliert Karsten Peter zu seiner Flucht - was er selbst ein halbes Duzend Mal vergeblich versucht hatte, machte ihm der 10 Jahre erfahrungsreichere Radtourist eindrucksvoll vor!
Der Start des Teilstücks erfolgt das erste Mal im gemächlichem Tempo. Wieder gibt es Gegenwind, dazu leichte Schauer. Einem Sturz im Kreisverkehr folgt einer auf der Kante, unsere Fahrer umschiffen diese heil. Unser ungekrönter Ausreißerkönig folgt einem starken Algerier in eine acht Mann Spitzengruppe. In einer heißen Jagd durch Ortschaften und welliges Terrain liegt die Mehrheit nur drauf und übersprintet die arbeitenden Europäer. Egal, ein sechster Platz ist auch was wert.
Die guten Fahrer streiten sich um das Punktetrikot und zerlegen dabei das Feld, so daß Andreas im hektischen Finale einige Sekunden verliert. Am Nachmittag fahren wir dann wieder etwas aufmerksamer.
Die Friedensetappe geht gar nicht so friedlich los. Der Blaue möchte in der Gesamtwertung noch aufs Podium und attackiert früh, was nicht der Tradition entspricht. Am Straßenrand wird er freundlich aber bestimmt von seinen Kollegen aus der Nationalmannschaft ermahnt.
20 Kilometer vor dem Ziel wird dann scharf geschossen. Leider versagt die Streckensicherung, wenn es denn eine gibt. Unsere Fahrer agieren passiv und versuchen es, zu vermeiden, unter die Räder zu kommen. Dennoch ist es schon ungewöhnlich, 200 Meter vor dem Ziel von einem Taxi überholt zu werden...
Am Abend erfolgt die Zeremonie samt der Selbstkritik: die Organisatoren geben sich vier Sterne - unklar bleibt, wie hoch die Skala reicht! Obwohl die Räder bereits kurz nach der Ankunft im Hotel verpackt wurden, bleibt kaum Zeit, das Preisgeld auf den Kopf zu hauen. Wie gut, daß nicht nach UCI-Regularien gezahlt wurde...
Die Landesauswahl Brandenburgs und Peter treten kurz nach Mitternacht die Heimreise an, der Rest unserer Mannschaft hat noch ausreichend Zeit, das Frühstück zu genießen. Bodo und Olli verbringen mit dem Betreuerehepaar Thomsen, die ihre Sache auf Anhieb perfekt durchgeführt haben, noch drei sonnige Tage, bevor es zurück ins kalte Deutschland geht.