Nordland Hamburg Radsport
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GP Chantal Biya 2008



Immer wieder gerne fahren wir zum Jahresende ins warme Afrika, Kamerun empfängt uns herzlich und bietet uns die Möglichkeit, drei Etappen und einen Prolog zu absolvieren. Bevor es am Abend zum Rennauftakt in die Innenstadt geht, unternehmen wir eine lockere Ausfahrt, um den Organismus auf die bevorstehende Belastung einzustimmen. Der Verzehr koffeinhaltiger Erfrischungsgetränke motiviert uns einerseits, verlängert aber unseren Ritt und läßt uns in einen heftigen Platzregen hineinsteuern. Das Material ist verdreckt, die Klamotten klitschnass und bei unserer Rückkehr ins Hotel stellen wir fest, daß die Konkurrenz schon aufgebrochen ist.


Natürlich ist das mittägliche Büffet schon Geschichte, so müssen unsere Mägen nicht unnötig verdauen, welches uns zur vollen Kraftentfaltung befähigt. Auf der Prachtstraße des 20. Mai gibt es vor dem Ausscheidungsfahren die übliche Präsentation der teilnehmenden Mannschaften. Wir stellen uns mit einem kräftigen Händedruck vor und überzeugen sportlich durch zwei Endlaufteilnahmen. Drei Jungs unserer Mannschaft werden Vorlaufzweite: gegen den an Nummer Eins gesetzten Lokalmatadoren Yves Ngock, den späteren Träger des Nachwuchstrikots Benjamin Giraud und den ehemaligen belgischen Landesmeister Ludovic Capelle zu unterlegen, ist keine Schande.


Als der erst 18-jährige Ngock von der Mannschaft SNH Velo Club seinen reservierten Sieg einfährt, gellen aus hunderten von Kehlen laute Jubelschreie durch den Zielbereich und es strömt eine unüberschaubare Menge Einheimischer auf ihren Helden zu. Dave bringt sich in Sicherheit, hat uns aber erstmals ein gewisses Sprinttalent gezeigt, welches ihm das Grüne Trikot beschert.


Für die erste Etappe dieser Rundfahrt erwarten wir eine größere Kopfgruppe mit entscheidendem Vorsprung. Unseren Inselkapitän unterstützen wir deshalb dementsprechend. Er schafft es in diese Gruppe, ist aber dort auf sich allein gestellt und kann gegen fünf Aix-en-Provence Fahrer nicht viel ausrichten. Dennoch spielt er seine Talente am Berg aus und kann sich als Trost das Bergtrikot überstreifen. Nach einem bescheidenen Mittagessen in unserer Herberge haben wir das Glück, daß wir in der Stadt einen ortskundigen Fahrer der Organisation finden, der uns auf Wegen, die selbst mit Allradgeländewagen nur schwer zu befahren wären, zu einem Grundstück bringt, auf welchem ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Büfett die hungrigen Renner einlädt.


Die Nacht über beschäftigt sich so mancher Übernachtungsgast mit der Jagd nach Mücken, anstatt sich ordentlich auszuschlafen. Vielleicht ruhen sich diese Fahrer auf ihren Streckenkenntnissen des letzten Jahres aus. Zu wissen, daß es auf den letzten 30 Kilometern auf rauhem Asphalt ständig hoch und runter geht, muß nicht unbedingt von Vorteil sein. Dennoch ergattert Dave genügend Zähler für sein Trikot, und zusammen mit Serge liefert er eine verdammt gute Vorstellung ab. Die anschließend folgende Siegerehrung findet vor Hunderten von Schaulustigen statt, obwohl die nächst größere Stadt ein ganzes Stück entfernt liegt. Olli und Peter boykottieren heute zwar das Hauptfeld, können aber bei der Übergabe der Wertungstrikots ihrem Mannschaftskollegen zuwinken.


Ein kleiner Transfer steht noch zwischen den müden Rennern und dem einladenden Bett im nächsten Ort. Wir fahren schnell, eigentlich ein bißchen zu schnell, denn es fängt plötzlich an zu regnen und die Reifen sind mit Sicherheit schon in den 80ern auf europäischen Straßen unterwegs gewesen... Es geht alles gut und so holt sich der eine oder andere seinen wohlverdienten Mittagsschlaf. Natürlich konzentrieren wir uns seriös auf den Sport, sind aber verwundert, als wir morgens am Start erfahren, man hätte in dieser für langweilig befundenen Stadt die Nacht durchmachen können.


Egal, wir reißen uns zusammen, um das erste Wertungstrikot einer 2.2 Rundfahrt zu gewinnen. Dave trägt weiterhin das Weiß-Rot-Gepunktete, und er wird nun auch noch die letzten vier Bergwertungen mit mannschaftlicher Unterstützung in Angriff nehmen. Gleich nach dem Start ist es dann auch schon Peter, der sich für unseren Grimpeur opfert, später reihen sich Elmar und Karsten uneigennützig ein und erfüllen vorbildlich taktische Notwendigkeiten. Jede Gruppe wird wieder zurückgeholt, das Tempo ist aber schon so hoch, daß es überhaupt nur wenige Ausreißersuche gibt. Serge weiß genau, auf welcher Seite er den letzten Kreisel durchfahren muß, seine Beine sind prima und er hält voll rein: er siegt überlegen vor Fabien Rey und Damien Tekou.


Selbst Dave hatte noch die Chance auf das Podium zu kommen, aber die hautnah erlebten Zuschauermassen, die sich von den Polizeikräften nicht auf den Bürgersteig kommandieren ließen, nötigten ihm den entscheidenden Respekt ab. Aber wir sind auch so mehr als zufrieden: Etappensieg und Bergtrikot bei der ersten Tour der Saison im Afrikakalender. Als Tagesschnellster erhält Serge Blumen, Küßchen, ein Paar Sportschuhe und einen Regenschirm, welchen er auf dem Weg zum vom Veranstalter reservierten Restaurant auch brauchen wird. Wir erwarten ihn dort bereits sehnsüchtig, damit er mit uns zu den Erfolgen anstoßen kann.


Nachdem wir am Montagmorgen wegen erneuter Regenschauer auf eine Ausfahrt verzichten und einige Souvenirs aus der Stadt erstehen, kommt am Nachmittag die wichtigste Etappe über 250 Kilometer von Yaounde nach Douala. Es ist die Flughafenetappe und entscheidet über das Datum unserer Rückkehr. Der erste Kleinbus fährt uns lediglich vom Hotel zum Busbahnhof. Nach zwei Stunden des Wartens gehen wir mittlerweile davon aus, daß wir mit einem Reisebus zum Flieger gebracht werden sollen. Abflugzeit: unbekannt! Egal, wir folgen der Nationalauswahl Burkina Fasos und nehmen schließlich in einem klimatisierten Gefährt Platz. Fünf Kilometer können wir diesen Komfort genießen, dann bleiben wir liegen.


Ein herbeigerufener Techniker versucht mit Kriechöl und einem kleinen Schraubenschlüssel die verschlissene Kupplung (Ferndiagnose) wieder funktionstüchtig zu machen. Es zieht sich hin und ein europäischer Tourist prophezeit uns noch einige schöne Tage unter der schwarzen Sonne. Wir geben nicht auf, haben aber dennoch Hunger entwickelt, den wir mit erworbenen Kuchen stillen wollen. Als wir die nahegelegene Bäckerei verlassen, ist das Straßenbild geringfügig verändert: unser Bus fehlt! Eigentlich müßten wir jetzt loslaufen oder laut fluchen - man wird nichts hören. Wir haben uns schon derart an afrikanische Organisation gewöhnt, daß uns auch dieses Malheur nicht mehr stört.


Wir spazieren den unserem Premierevehikel zum Verhängnis gewordenen kleinen Hügel hoch und nehmen Platz. Keine Hektik bitte. Wir fahren ab und verlassen drei Stunden später während eines Extrahalts den Bus direkt auf der Autobahn. Olli und Karsten besteigen zusammen mit zwei weiteren Tourteilnehmern ein bereitstehendes Taxi, mit den Reisepässen der anderen sollen die Bordfahrkarten gelöst und so der Flieger zum Warten genötigt werden. So kommen wir alle gemeinsam in Brüssel an und können als fünfköpfige Fahrgemeinschaft noch einen Einsatz der gelben Engel und Zwangspausen in Harburg erleben...

Es wäre falsch, wenn jemand den Eindruck bekäme, dieses Rennen wäre schlecht organisiert gewesen. Vielleicht bleibt aufgrund diverser Sprachbarrieren einiges an Informationen auf der Strecke. Wir sind satt geworden, haben ein Dach über dem Kopf gehabt und den Flieger pünktlich bekommen. Und es war garantiert nicht der letzte Einsatz in Kamerun!




Bilder des Rennens sind in der Galerie zu finden.